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Zahllose Pflanzen enthalten Substanzen, die sich auf die Psyche auswirken. Einige betäuben, andere rufen Halluzinationen hervor. Manche eignen sich zur Behandlung seelischer Verstimmungen und psychischer Erkrankungen.
Bei Stress und seelischen Krisen sind Spaziergänge oder ausgedehnte Wanderungen in der Natur oft überaus wohltuend. Was könnte beglückender sein, als bei strahlend blauem Himmel durch Wald und Flur zu wandern oder durch eine verschneite Winterlandschaft zu streifen. Doch nicht immer spielt das Wetter mit und nicht immer haben wir die Zeit für diese Form der Erholung zur Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichts. Zum Glück bietet uns die Natur seelischen Beistand in konzentrierter Form: Heilpflanzen für die Psyche.
Einige Psychiater halten die Heilpflanzen für die Seele (Psycho-Phytotherapie) für Placebos oder höchstens für "schwach potent". Sie meinen, dass diese natürlichen Mittel bei schwereren psychischen Störungen nicht eingesetzt werden könnten. Dies mag auf einige Substanzen zutreffen, auf andere aber durchaus nicht.
Es gibt höchst wirksame Psycho-Phytpharmaka; das bekannteste ist das Opium. Das Opium ist nicht nur ein Betäubungsmittel, sondern auch ein effektives Mittel zur Behandlung schwerer psychischer Störungen wie z. B. der Schizophrenie. Zu diesem Zweck wurde es noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verwendet.
Es gibt zahllose pflanzliche Wirkstoffe, die sich zur Behandlung psychischer Störungen, zur Aufhellung der Stimmung, zur Erweiterung des Bewusstseins oder zur Förderung des Schlafs eignen. Aus dieser Fülle möchte ich nur drei Beispiele herausgreifen:
An Weg- und Waldrändern und auf Wiesen wächst eine Staude, die etwa 25 bis 90 cm hoch wird und dessen zweikantige Stengel im oberen Teil reich verzweigt sind. Wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt, verfärben sich die gelben Blüten blutrot. Man sammelt das Kraut in voller Blüte, so etwa um Johanni (24. Juni) herum. Daher kommt wohl auch der Name: Johanniskraut.
Der wichtigste Wirkstoff dieser Heilpflanze ist das Hypericin. Diese Substanz ist ein leichtes Beruhigungsmittel und wirkt zudem antidepressiv. In der tiefenpsychologisch orientierten Psychopathologie unterscheidet man vier Formen der Depression, nämlich (1) die psychotischen Depressionen, (2) die Depressionen bei schweren Persönlichkeitsstörungen, (3) die neurotischen Depressionen sowie die (4) depressiven Reaktionen auf belastende Lebensumstände.
Das Johanniskraut ist zur Behandlung der schwereren Formen der Depression (1 und 2) sicher nicht geeignet; bei leichteren Erkrankungen könnte es jedoch durchaus eine Alternative zu chemischen Mitteln sein. Die Wirkung tritt etwa vier bis sechs Wochen mit täglicher Einnahme ein.
Früher glaubten Skeptiker, der Duft des Baldrians suggeriere die beruhigende Wirkung nur. Doch dies darf inzwischen als wissenschaftlich wiederlegt gelten. Diese etwa ein Meter hohe, fiederblättrige Pflanze ist tatsächlich wirksam. Die in der Wurzel enthaltenen zahlreichen Wirkstoffe wirken nicht allein, sondern nur in ihrer Gesamtheit bei nervösen Reizzuständen, bei psychisch bedingten Magenschmerzen, bei Schlaflosigkeit und Unruhe. Baldrian beruhigt, ohne müde zu machen.
Man kann Baldrian als Tinktur einnehmen oder auch als Tee trinken. Die Wirkung setzt ungefähr eine halbe Stunde nach Einnahme ein.
Ma
Huang ist ein kleiner, schachtelhalmartiger Strauch, der 30 bis 50 cm
hoch wird. Der botanische Name lautet Ephedra
sinica Stapf. Diese Pflanze und andere Ephedra-Arten werden seit über
5000 Jahren gegen Kreislaufschwäche, Fieber, Husten und vor allem
zur Steigerung der Konzentration, der Wachheit und der Arbeitsleistung
verwendet. Die Ephedra-Arten enthalten den Wirkstoff Ephedrin. Das ist
ein Psychostimulanz, ein Muntermacher. Man kann aus dem Kraut einen Tee
kochen, der allerdings nicht gerade wohlschmeckend ist. Eine amerikanische
Ephedra-Art (Ephedra nevadensis) wird auch als "Mormonentee"
bezeichnet. Dieser Tee ist - daher der Name - das Lieblingsgetränk
der Mormonen, die sonst alle Drogen einschließlich Kaffee ablehnen.
Obwohl viele glauben, Ephedra sei wegen des Ephedrins verschreibungspflichtig, ist dieses Heilkraut rezeptfrei in Apotheken erhältlich. Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnen allerdings vor dem unkontrollierten Verzehr von ephedrahaltigen Produkten, die im Internet angeboten werden. Diese Substanzen seien weder als Arzneimittel zugelassen, noch dürften sie als Lebensmittel vertrieben werden. Bei maßvollem Genuß sind jedoch keine Nebenwirkungen zu befürchten, schreibt Apotheker Pahlow in seinem Standardwerk über Heilpflanzen ("Gesund durch die Heilkräfte der Natur").
Die Psycho-Phytopharmaka sind keine Heilmittel wie alle anderen; sie besitzen zudem eine ideologische, symbolische und emotionelle Bedeutung, die sie deutlich von anderen Medikamenten abhebt:
Und so können pflanzliche Heilmittel, die eine Psychotherapie ergänzen, nicht nur Symptome lindern, sondern auch den Glauben an den Sinn der Behandlung und die Motivation der Klienten stärken. Sie haben also einen festen Platz in einer ganzheitlichen Therapie seelischer Störungen.
M. Pahlow: Das große Buch der Heilpflanzen. Gesund durch die Heilkräfte der Natur. München (Gräfe und Unzer Verlag) 1993
C. Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau (AT Verlag) 1998
Der Autor dieses Beitrags, der Diplom-Psychologe Dr. Hans Ulrich Gresch berät Menschen mit psychischen Problemen sowie deren Angehörige online via eMail, Telefon oder Bildtelefon (Skype)
Nähere Informationen finden Sie hier.
Der Wundergarten der Natur bietet auch allerlei Gaben, die unsere Sinne berauschen - und zwar in einer Weise, die sonst nur Substanzen zukommt, die als sog. Drogen dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Eine sehr guten Überblick über diese Pflanzen und Pilze verschafft das Werk von Rätsch, das in der rechten Spalte zitiert wird.
Jeder begeisterte Naturapostel, der in der Natur die heile Welt, Friede und Harmonie zu finden hofft, sollte nicht leichtfertig und ohne fachkundige Anleitung mit diesen häufig kaum erforschten Substanzen experimentieren, denn sie könnten sein blauäugiges Weltbild untergraben. Die Halluzinogene, die Narkotika, die Aufputschmittel aus der grünen Zauberwelt um uns herum können höllisch gefährlich sein und die Intensivstation einer Toxikologischen Abteilung eines Krankenhauses ist beileibe kein guter Ort für friedvollen Naturgenuss.
Wer es also nicht sein lassen kann, sollte niemals allein, ohne erfahrene Begleitung auf den Trip gehen.
© Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch / Web Design: Matthew James Taylor.