Mithilfe eines Verfahrens, die Arbeit des Gehirns sichtbar macht, konnten Forscher der Stanford University nachweisen, dass absichtliches Vergessen (Verdrängung) mit einem charakteristischen Muster von Gehirnprozessen verbunden ist.

Seit den achtziger Jahren erfreut sich die Gedächtnisforschung, die einst ein akademisches Schattendasein führte, eines ungeahnten öffentlichen Interesses. Der Grund dafür ist aber nicht darin zu sehen, dass die Medien eine neue Liebe zur psychologischen Grundlagenforschung entdeckt hätten. Vielmehr war auch hier das uralte Thema "Sex & Crime" die treibende Kraft für das plötzliche Interesse an der Gedächtnisforschung. Ermutigt oder auch inspiriert durch den Feminismus wandte sich nämlich eine zunehmende Zahl von Frauen mit der Behauptung an die Gerichte, sie seien von nahen Angehörigen, meist von ihren Vätern sexuell missbraucht worden. Viele dieser Frauen berichteten, dass sie die schrecklichen Vorgänge lange Jahre vergessen und erst später, oft in einer Psychotherapie, wiedererinnert hätten.
Schnell formierten sich zu recht oder zu unrecht Beschuldigte in streitbaren Verbänden, zu denen als bekanntester die amerikanische "False Memory Syndrome Foundation" zählt. Deren schlichte Botschaft lautet, es sei gar nicht möglich, Erinnerungen aus dem Bewusstsein zu verbannen - und darum müssten die angeblich wiedererinnerten Missbrauchserlebnisse Phantasien seien. Es handelte sich um falsche Erinnerungen ("False Memories"), die den Frauen von ihren Psychotherapeuten suggeriert worden seien.
Die Kontroversen zu diesem Thema wurden in den Medien mit scharfer Rhetorik geführt, und die einschlägigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen füllen voluminöse Bände.
Forschern der Stanford University und der Universität von Oregon ist es nun gelungen, die Prozesse im Gehirn zu indentifizieren, die der Verbannung von Gedächtnisinhalten aus dem Bewusstsein zugrunde liegen.

Der Neuropsychologe Michael C. Anderson und seine Mitarbeiter untersuchten den Prozess der Verdrängung im Gehirn mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens, des sog. "functional magnetic resonance imaging" (fMRI). 24 Versuchspersonen zwischen 19 und 31 Jahren nahmen an dem Experiment teil. Zunächst lernten sie die Beziehungen zwischen Wortpaaren wie "Dampf-Zug". Danach wurden sie getestet, während ihre Gehirne gescant wurden. Die Forscher teilten die 36 gelernten Wortpaare zufällig in drei Gruppen. Bei der ersten Gruppe wurden die Versuchspersonen gebeten, sich das erste Wort des Wortpaares anzuschauen und dabei an das zweite Wort zu denken. Bei der zweiten Gruppe wurden sie gebeten, absichtlich nicht an den assoziierten Begriff zu denken. Die dritte Gruppe diente als Basislinie und wurde nicht während des Scan-Teils der Untersuchung verwendet. Nach Beendigung der Untersuchung mit dem bildgebenden Verfahren wurde die Gedächtnisleistung erneut überprüft. Es zeigte sich, dass die Versuchspersonen sich schlechter an die Wörter erinnerten, deren Erinnerung sie zuvor aktiv unterdrückt hatten, als an die dritte Gruppe der Begriffe, die nicht in den Scan-Teil der Untersuchung einbezogen war. Das absichtliche Vergessen war mit einem charakteristischen Muster von Gehirnprozessen verbunden. Je stärker diese Prozesse ausgeprägt waren, desto "erfolgreicher" waren die Versuchspersonen beim Verdrängen der Begriffe.
Die Forscher vergleichen das absichtliche Vergessen von Bewusstseinsinhalten mit dem vorzeitigen Unterbrechen bereits begonnener Handlungen. Wer sieht, wie ein Blumentopf umfällt, will ihn vielleicht spontan festhalten, bis er merkt, das es sich um einen Kaktus handelt und zurückzuckt. Ein ähnlicher Prozess kann sich bei Gedächtnisinhalten vollziehen, die aus irgend einem Grund unerwünscht sind. Die Wissenschaftler betonen, dass ihr Experiment keineswegs die Frage zu beantworten vermag, ob Verdrängung eine langandauernde Amnesie für traumatisierende Erfahrungen erzeugen könne. Sie schreiben jedoch, dass ihre Arbeit die Existenz eines aktiven Gehirnprozesses bestätige, durch den Menschen das Bewusstwerden unerwünschter Erinnerungen verhindern können. Die Erkenntnisse seien das erste neurobiologische Modell der absichtlichen Verbannung von Inhalten aus dem Bewusstsein, die von Freud als "Verdrängung" bezeichnet wurde. Es handele sich hier um eine Form des bewusst gesteuerten Verhaltens.


(Quelle: Anderson, C. et al.: Neural Systems Underlying the Suppression of Unwanted Memories. Science, January 2004, Vol. 303, 232-235)

Worte des Meisters

"Die roheste Vorstellung von diesen Systemen ist die räumliche. Wir setzen also das System des Unbewussten einem großen Vorraum gleich, in dem sich die seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen Vorraum schließe sich ein zweiter, engerer, eine Art Salon, in welchem auch das Bewusstsein verweilt. Aber an der Schwelle zwischen beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einlässt, wenn sie sein Missfallen erregen. Sie sehen sofort ein, dass es nicht viel Unterschied macht, ob der Wächter eine einzelne Regung bereits von der Schwelle abweist, oder ob er sie wieder über sie hinausweist, nachdem sie in den Salon eingetreten ist. Es handelt sich dabei nur um den Grad seiner Wachsamkeit und um sein frühzeitiges Erkennen. Das Festhalten an diesem Bilde gestattet uns nun eine weitere Ausbildung unserer Nomenklatur. Die Regungen im Vorraum des Unbewussten sind dem Blick des Bewusstseins, das sich ja im anderen Raum befindet, entzogen; sie müssen zunächst unbewusst bleiben. Wenn sie sich bereits zur Schwelle vorgedrängt haben und vom Wächter zurückgewiesen worden sind, dann sind sie bewusstseinsunfähig; wir heißen sie verdrängt. Aber auch die Regungen, welche der Wächter über die Schwelle gelassen, sind darum nicht notwendig auch bewusst geworden; sie können es bloß werden, wenn es ihnen gelingt, die Blicke des Bewusstseins auf sich zu ziehen. Wir heißen darum diesen zweiten Raum mit gutem Recht das System des Vorbewussten. Das Bewusstwerden behält dann seinen rein deskriptiven Sinn. Das Schicksal der Verdrängung besteht aber für eine einzelne Regung darin, dass sie vom Wächter nicht aus dem Sytem des Unbewussten in das des Vorbewussten eingelassen wird (Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, gehalten an der Universität Wien in den Semestern 1915/16 und 1916/17)."


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