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Die Neurowissenschaftlerin Simone Reinders untersuchte mit dem Computer-Tomographen die Gehirnprozesse bei 11 Frauen, die an Multipler Persönlichkeitsstörung leiden. Die Befunde deuten darauf hin, dass den unterschiedlichen Persönlichkeiten in einem multiplen Persönlichkeitssystem unterschiedliche Nerven-Netzwerke zugrunde liegen.

Manche
Psychiater bestreiten die Existenz der Multiplen Persönlichkeitsstörung
(MPS), die heute auch Dissoziative Identitätsstörung (DIS) genannt
wird. Viele Seelenärzte halten diese Störung zwar für real,
aber für überaus selten. Hin und wieder verbünden sich
kritische Soziologen und interessierte Anwälte mit wohlmeinenden
Jornalisten, um die These zu lancieren, die Multiple Persönlichkeitsstörung
sei die Erfindung geldgieriger oder ideologisch verblendeter Psychotherapeuten.
Diese würden ihren meist weiblichen Patienten nur einreden, sie seien
gespaltene Persönlichkeiten.
Unter Fachleuten und interessierten Laien wurde heftig über die Existenz
dieser bizarren Krankheit gestritten, bei der angeblich zwei oder gar
mehrere unterschiedliche Persönlichkeiten unter einer Schädeldecke
hausen. Zu einer Einigung kam es nicht, denn Befürworter und Skeptiker
konnten sich bisher nur auf das Verhalten und die Äußerungen
der angeblich Betroffenen beziehen. Diese Sachverhalte lassen sich aber
meist nicht eindeutig interpretieren.
Als Ursache der Multiplen Persönlichkeitsstörung werden schwere
psychische Traumatisierungen in früher Kindheit - wie sexueller Missbrauch,
körperliche und emotionale Misshandlung und Verwahrlosung - angenommen.
Die junge niederländische Neuro-Wissenschaftlerin Simone Reinders
hat mit ihrer Arbeitsgruppe ein bemerkenswertes Experiment realisiert,
das die strittige Frage wortwörtlich aus einem neuen Blickwinkel
beleuchtet, nämlich mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens, der
sog. "positron emission tomography" (PET).
Reinders, Jahrgang 1974, lebt und forscht in Groningen (NL) und Hamburg.
Ihre Forschungsgruppe untersuchte 11 Frauen, bei denen eine Dissoziative
Identitätsstörung diagnostiziert wurde. Es ging um die Reaktion
auf autobiographische Texte in unterschiedlichen Persönlichkeitsszuständen.
8 Gehirnscans wurden aufgezeichnet, und zwar in folgender Reihenfolge
(N = neutraler Persönlichkeitszustand; T = traumatisierter Persönlichkeitsszustand;
n = neutraler Text; t = Text mit trauma-bezogenem Inhalt): Nn, Nt, Tt,
Tn, Tn, Tt, Nn und Nt. Es zeigte sich Unterschiede der Gehirnaktivität
in den zwei Identitätszuständen, während die Patientinnen
dem trauma-bezogenen Text verfolgten. Die Gehirne der Versuchspersonen
arbeiteten unterschiedlich, wenn sie im traumatisierten Persönlichkeitszustand
dem Trauma-Text bzw. dem neutralen Text zuhörten. Es zeigte sich
auch ein Unterschied der Gehirnprozesse beim Erfassen des Trauma-Texts
im neutralen bzw. im traumatisierten Persönlichkeitszustand.
(Quelle: Reinders, S. et al.: One brain, two selves. NeuroImage, 20, 2119-2125, 2003)
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