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Ein wesentliches Kriterium der Sucht ist der Kontrollverlust. Der Säufer kann den Drink nicht stehen lassen, muss ihn trinken. Sex ist daher von Grund auf suchtverdächtig. Bei Verliebten versinkt nur zu oft die Vernunft im gurgelnden und brodelnden Sog der Hormone.
In einem festlich geschmückten Ballsaal wiegen sich Damen in rauschenden
Kleidern und Herren in maßgeschneiderten Smokings im Walzerschritt.
Das Orchester spielt "Wein, Weib und Gesang" von Johann Strauß
Sohn. Entfesselte Tänzer in Leder und Gummi zucken in einer schrillen
Disko zur Musik von lan Dury & the Blockheads: "Sex and Drugs
and Rock and Roll".
Zwischen beiden Ereignissen liegen Welten, doch beide feiern die "Heilige
Dreifaltigkeit" der Ekstase: Erotik, Rausch und Musik.
Als die Vorväter unserer Rasse, kaum des aufrechten Ganges mächtig,
vor ihren Höhlen, voll berauschender Pflanzen, zu dumpfem Trommelschlag
um lodernde Feuer tanzten und sich an ihren nackten Leibern ergötzten,
waren sie nicht minder von dieser Heiligen Dreifaltigkeit der Ekstase
fasziniert als unsere Zeitgenossen. Und seit Menschengedenken beflügeln
besonders die abgründigen oder abseitigen Aspekte der Ekstase die
Phantasie der Menschen.
Wird der Rausch zum Blutrausch, der Sex zum Sadomasochismus und die Musik zum Crescendo der Raserei, dann sind auch die Bild-Reporter unterwegs: "Sie lächelt artig wie ein blonder Engel. Aber ihre Sexsucht trieb sie zum teuflischen Mord", hieß es in der Bildzeitung vom 30. November 1996. Maria H., eine attraktive junge Frau, angeblich mit sadomasochistischen und bisexuellen Neigungen, hatte eine achtzehnjährige Studentin mit 57 Messerstichen ermordet. Das Tatmotiv laut Bild: "Maria metzelte die Studentin nieder, weil sie sich gegen Lesben-Sex wehrte. Sie liebte mit Peitsche, Lack und Leder. Abartig bis zum Mord."

Die magische Kraft dieser Konstellation ist nur noch wenigen Zeitgenossen bewusst. Zu ihnen zählt die amerikanische Schriftstellerin Camille Paglia, die vor allem durch ihre wüsten Attacken gegen den Feminismus bekannt wurde. Sie sagt: "Mein Sinn für das Erotische wurde durch die Katholische Kirche geformt. Als Kind sah ich Dinge wie den nackten St. Sebastian mit seinem winzigen Lendenschurz, in dieser sexy Pose, mit Pfeilen in seinem Körper, aus dem das Blut tropfte. Heute ist das alles verloren gegangen, und das ist schrecklich." (1)
Der moderne Mensch hat, was Sex und Rausch betrifft, scheinbar jedes Tabu gebrochen, aber er ist vielfach taub geworden für die archaische Melodie der Ekstase, die aus dem archetypischen Unbewussten nicht mehr in unser Bewusstsein zu dringen vermag. Der Preis dieser Verarmung des Bewusstseins ist ein Schwächung der Identität. Das Erleben des Rausches und der Lust hat sein Fundament verloren, es wird diffus. Um so größer ist die Gefahr einer zerstörerischen Entwicklung.

Das Reich des Eros ist weiter, als das domestizierte Sexualverhalten der meisten Zeitgenossen ahnen lässt, sofern wir den einschlägigen Statistiken vertrauen dürfen. Die seichten Peep-Shows des Privatfernsehens haben die archetypischen erotischen Phantasien fast verdrängt.
Unsere sexuellen Phantasien wurden noch niemals zuvor in der Geschichte in diesem Ausmaß durch äußere Einflüsse geformt beziehungsweise "modelliert".
Die kommerzielle Ausbeutung und Kanalisierung des Triebs, der über
normales Sexualverhalten hinausschießt, beansprucht immer mehr Raum
in den Medien. Die unbefriedigte Geilheit der Massen lässt die Kassen
klingeln. Die Sexsucht und ähnliche Themen kommen da wie gerufen.
Sexsucht: ein Füllhorn voller Geschichten, nicht nur für die
Regenbogenpresse und die Schweinkram-Sender.
Ein amerikanischer Professor wurde entlassen, weil er Studentinnen sexuell
belästigt hatte. Dagegen klagte er mit der Begründung, er sei
sexsüchtig. Er berief sich auf das Behindertenschutzgesetz (Americans
with Disabilities Act) der Vereinigten Staaten. Er sei durch seine Sexsucht
dauerhaft behindert und dürfe deshalb nicht entlassen werden. Der
Professor durchlief sämtliche Instanzen bis zum Obersten Bundesgericht
(U. S. Supreme Court) und verlor. (2)
Es mag sein, dass dieser Mann nur eine Schutzbehauptung vorbrachte, an die er selbst nicht glaubte. Es ist aber auch denkbar, dass seine Definition seines Triebs und seiner Taten in medizinischen Begriffen als Ausdruck einer Selbstentfremdung zu deuten ist. Mit den modernen Begriffen "Behinderung" und "Sexsucht" könnte er die archaische Realität des Eros abgewehrt haben. Wer seine Gelüste (auch die abgründigen und destruktiven) als Teil der menschlichen Natur begreift, kann sie, falls nötig, beherrschen und Verantwortung für sie übernehmen. Wer sie jedoch, sofern sie zum Bruch gesellschaftlicher Normen drängen, als krankhaft empfindet, kann sich leicht aus der Verantwortung schleichen.

Der Begriff der "Sexsucht" ist wie jeder Suchtbegriff eine
soziale Konstruktion. Dies gilt selbstverständlich auch für
den Begriff der "sexuellen Belästigung". Diese sozialen
Konstruktionen spiegeln gesellschaftliche Interessen wieder. Es geht darum,
wie und in welchem Ausmaß die Realität der Ekstase kontrolliert
werden soll - und von wem.
Das Bedürfnis nach Kontrolle ist natürlich um so größer,
je bedrohlicher die wilde Welt des Eros und des Rausches erlebt wird.
Eine Deutsche fühlt sich unter Umständen sexuell belästigt,
wenn ein Mann ihr hinterher pfeift; eine Südamerikanerin hingegen
ist vielleicht höchst gekränkt, wenn er das nicht tut.
Das Thema "Sexsucht" erhitzt die Gemüter, weil es sich
auf die verbotenen Bezirke der Ekstase bezieht.
Die Verlockung ist groß, vom "sicheren Port" bürgerlicher
Wohlanständigkeit, natürlich nur in heimlichen Gedanken - die
Grenzen der Moral zu überschreiten und in ein geheimnisvolles Reich
des Dionysos einzutreten.
Wenn Dionysos, der bocksgestaltige Gott des Weines, mit seinem Gefolge aus Satyrn und Nymphen, Silenen und ekstatischen Bacchantinnen ausschwärmte, so mied der wilde, ungezügelte Haufen stets das Reich Apolls, des Gottes der Ordnung, des Maßes und der Einsicht. Und auch Apoll zeigte nicht das geringste Interesse an einer Begegnung mit seinem Antipoden. Was sich im Mythos auseinanderhalten lässt, ist in der realen Welt natürlich immer aufeinander bezogen. Die spannungsvolle Dialektik zwischen dionysischen und apollinischen Tendenzen entfaltet sich in jeder menschlichen Seele. Wenn wir öffentliche Debatten zu den Themen "Sex" oder "Rausch" verfolgen, so verblüfft das atemberaubende Ausmaß an Projektionen, Verleugnungen, Scheinheiligkeit und Irrationalität. Selbst das emotionsgeladene Thema "Ausländer" wird - damit verglichen und von Ausnahmen abgesehen - beinahe sachlich behandelt.
Das Interesse der Medien an Sex und Rausch entspricht der Präsenz
dieser Themen im Bewusstsein der Konsumenten. Es entspricht ihm nicht
nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Man beschäftigt sich häufig
mit Themen wie den Sex- und Drogenorgien der Reichen, Schönen und
Berühmten. Oder man präsentiert Photos von halbnackten Mädchen,
die in verrenkter Stellung vor einem Bahnhofsklo liegen, mit der Spritze
im Arm. Es wird über die verwahrlosten und demoralisierten Gestalten
berichtet, die vor den Bahnhöfen und U-Bahnstationen unserer Großstädte
herumlungern und Passanten durch aggressives Betteln verängstigen.
Auch Prostituierte, die ihre Freier nur unter dem Einfluss von Drogen
ertragen, gehören zu den gern beschriebenen Sujets.
Seltener schon werden sabbernde, grölende, schwitzende Gaudiburschen
gezeigt, die mit durchnässtem T-Shirt und seltsamen Mützen auf
Tischen und Bänken in Volksfestzelten tanzen. Kaum einmal wird über
den Einfluss legaler oder illegaler Drogen auf das Sexualleben berichtet.
Allenfalls wird gemahnt, dass Alkohol und Drogen, im Übermaß
genossen, impotent machen können.
Die Sexualität trockener Alkoholiker ist ohnehin Tabu - ebenso wie
das eingeschlafene Liebesleben mancher schon lange verheirateter Ehepaare,
die allabendlich vor dem Fernsehgerät Bierflaschen leeren und Chips
knuspern.
Wein, Weib und Gesang. Sex and Drugs and Rock and Roll. Die verschlungenen Beziehungen in diesem magischen Dreieck der Ekstase werden von den medialen Bildwelten verdeckt. In diesen Bildwelten wird das Abgründige des Eros und des Rausches auf Minderheiten projiziert. Der brave Durchschnittsbürger darf sich der Illusion hingeben, dass diese Dämonen ihre Verführungskünste nicht in seinem Inneren, sondern nur in Sphären entfalten, um die er einen großen Bogen macht (Drogenszene) oder zu denen er ohnehin nicht zugelassen ist (Jet Set).
Ich habe in einer anderen Seite dieser Web Site das Rezept für ein hochpotentes, aber völlig unschädliches Aphrodisiakum eingebaut. Dieses Mittel stimuliert den Sexualtrieb, intensiviert das Lustempfinden und vertieft den Orgasmus bei Mann und Frau in bisher unbekanntem Ausmaß. Selbst hochbetagte Greise an der Pforte zur Ewigen Seligkeit sollen nach Einnahme dieses Aphrodisiakums bemerkenswert zappelig geworden sein. Diese Droge kann im übrigen, ohne pharmazeutische Vorkenntnisse, aus Substanzen hergestellt werden, die rezeptfrei in Apotheken erhältlich sind.
Wenn der Schweinkram nicht Schweinkram wäre, müsste er eigentlich als Gottesgabe betrachtet werden. Man kommt nämlich einfach nicht umhin, ihn zu genießen. Entweder man genießt ihn, weil man ihn mag, oder man genießt ihn, weil man ihn nicht mag. Denn die Empörung über den Schweinkram ist schließlich ebenfalls überaus lustvoll. Der Empörer kann sich Tag und Nacht mit Schweinkram beschäftigen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, im Gegenteil.
Was aber die Sucht betrifft - Sexsucht eingeschlossen - so dürfte ein offenes, unverkrampftes Verhältnis zur Sexualität ohne Zweifel zu den wirksamsten Schutzfaktoren gehören. Ein verbissen-verbiestertes, lustfeindliches Verhältnis zum eigenen Körper und zum Körper des Partners ist wahrscheinlich nicht nur ein Risikofaktor für Suchterkrankungen, sondern eine Bedrohung der Gesundheit schlechthin.
(1) A scholar and a not-so-gentle woman (Camille Paglia), (Interview),
in: Cosmopolitan, Nov. 1991,211 (5), 106-108
(2) Sagall, R. J.: Addiction is no excuse, in: Pediatrics for Parents,
March 1994, 10-11
Der Autor dieses Beitrags, der Diplom-Psychologe Dr. Hans Ulrich Gresch berät Menschen mit Sex-Sucht sowie deren Angehörige online via eMail, Telefon oder Bildtelefon (Skype)
Nähere Informationen finden Sie hier.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Fachzeitschrift "drogen-report", heute umbenannt in "Konturen".
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