Menschen mit Multipler Persönlichkeitsstörung verhalten sich so, als ob mehrere Persönlichkeiten unter ihrer Schädeldecke hausten. Diese Störung ist das Ergebnis schwer seelischer Verletzungen in der frühen Kindheit. Dadurch zersplittert die Identität. Durch Lernprozesse verwandeln sich diese Splitter dann in Pseudo-Persönlichkeiten, die meist nichts voneinander wissen.

Der Leidensweg

Als Kind wurde Kathrin von ihrem Vater regelmäßig sexuell missbraucht. Der Vater, ein meist arbeitsloser Alkoholiker, versetzte auch seine Frau durch Prügel und Morddrohungen in Angst und Schrecken. Kathrin Leidensweg begann mit fünf Jahren. Beim ersten sexuellen Missbrauch erlitt sie Verletzungen im Genitalbereich. Die Mutter verbot ihr, darüber zu sprechen. Sie entwickelte einen Hass auf Kathrin, der sich beständig in Gewalttaten entlud. Einmal quälte sie das Kind mit einem glühenden Schürhaken.

Und diese Torturen zu ertragen und zu überleben, spaltete sich Kathrins Persönlichkeit zunächst in zwei Teilpersönlichkeiten. Die eine Teilpersönlichkeit war das brave Mädchen, das sich von seinen Eltern geliebt fühlte. Diese Persönlichkeit trat immer in Erscheinung, wenn sich die Eltern gerade nicht zu Gewalttaten und Missbrauch hinreißen ließen. Die zweite Teilpersönlichkeit wurde hervorgerufen, wenn der Vater die Hose herunterließ oder die Mutter sich Kathrin mit wutverzerrtem Gesicht näherte. Diese zweite Teilpersönlichkeit war durch eine Mischung aus überwältigender Furcht und (selbst-)zerstörerischem Hass gekennzeichnet. Beide Persönlichkeiten wußten nichts voneinander. Die brave Kathrin konnte sich nicht daran erinnern, was Vater und Mutter mit ihr trieben, wenn sie von ihren sadistischen Impulsen übermannt wurden.

Die Problemlösung

In ihrer Not hatte Kathrin eine Problemlösung entwickelt, die mit dem Fachbegriff „Dissoziation“ bezeichnet wird. Dissoziation ist die natürliche Reaktion auf ein überwältigendes traumatisches Erlebnis. Wenn ein Kind in einer Welt des Terrors beständig zur Dissoziation gezwungen wird, kann keine stabile, in sich geschlossene Persönlichkeit entstehen. Im Gegenteil, das Selbst wird diffus oder zerbricht in „tausend Stücke“. Mit 23 hatte Kathrin 15 verschiedene Teilpersönlichkeiten ausgeprägt, die teilweise voneinander nichts wußten. Zu achtzig Prozent der Zeit war Kathrin eine schüchterne, in sich zurückgezogene junge Frau. Sie arbeitete gelegentlich als Putzfrau und lebte überwiegend von Sozialhilfe. Wie aus heiterem Himmel verwandelte sie sich jedoch zum Beispiel hin und wieder in Irene, die kokste und in zweifelhaften Kneipen wahllose Männerbekanntschaften suchte. Oder sie wurde zur Ilse, einem Kind von sechs Jahren. Ilse verwirrte ihre Mitmenschen, weil sie wie Anfang zwanzig aussah, aber wie ein kleines Kind plapperte und reagierte. Kathrin wusste freilich nicht, daß Ilse, Irene und die anderen Alternativpersönlichkeiten unter ihrer Schädeldecke überhaupt existierten. Ilse war sich zwar der Existenz Irenes bewusst; Kathrin aber war ihr unbekannt. Nur der homosexuelle Paul, eine weitere Teilpersönlichkeit Kathrins,  kannte den ganzen „Schwarm“.

Die Diagnose

Kathrin hatte eine ausgeprägte Multiple Persönlichkeitsstörung entwickelt. Mit dem Begriff „Schwarm“ bezeichnen Fachleute die Gruppe der Teilpersönlichkeiten einer multiplen Persönlichkeit. Die Multiple Persönlichkeitsstörung wird im Diagnoseschema der Amerikanischen Psychiatrievereinigung (APA) wie folgt definiert:

  1. Es existieren innerhalb des Individuums zwei oder mehrere voneinander unterschiedene Persönlichkeiten. Eine dieser Persönlichkeiten ist jeweils während eines bestimmten Zeitraums dominant.
  2. Die jeweils vorherrschende Persönlichkeit bestimmt das Verhalten des Individuums.
  3. Jede Teilpersönlichkeit ist ein komplexes Gebilde mit einem einzigartigen Verhaltensmuster und entsprechenden sozialen Beziehungen.

Umstrittenes Krankheitsbild

MPS

Unter der Belastung schwerer
seelischer Verletzungen zerfällt
die Identität.

Eine Minderheit in der amerikanischen Psychiatrie und die Mehrheit der deutschen Psychiater bestreiten allerdings die Existenz dieser Erkrankung. Die Gründe sind vielfältig. Ein wichtiger Grund dürfte darin bestehen, daß sich selbst viele Fachleute die Realität brutalster Kindesmisshandlung nicht eingestehen können. Diese aber ist die wesentliche Ursache der Multiplen Persönlichkeitsstörung. Der amerikanische Forscher  E. W. Putnam untersuchte 100 Fälle dieser Erkrankung. 83 % der Betroffenen waren sexuell mißbraucht, 75 % körperlich misshandelt, 61 % extrem vernachlässigt oder ins Heim gegeben worden. Bei 97 % der Patienten stellte er mindestens eine der genannten seelischen und körperlichen Verletzungen fest.

Die Zahl der Betroffenen läßt sich nur schwer schätzen, da sie gerade in Deutschland in der Regel falsch, nämlich meist als schizophren oder psychotisch, diagnostiziert werden. In Amerika liegen seriöse Schätzungen zwischen 0,5 und 3 % der Bevölkerung. Die Symptome sind nicht immer so dramatisch wie in Kathrins Fall. Und die meisten Betroffenen wissen nicht, daß sie multipel sind. Wenn sie es wissen oder ahnen, sprechen sie nicht darüber – es sei denn, sie würden gezielt danach gefragt. Eine zuverlässige Diagnose ist daher auch für Fachleute, die mit diesem Krankheitsbild vertraut sind, häufig nicht leicht. Außerdem enthält der Schwarm in der Regel auch Teilpersönlichkeiten, mit denen die Gesamtanpassung der multiplen Persönlichkeit an die Umwelt sichergestellt wird. Meist natürlich nur mehr schlecht, als recht – aber immerhin. So zahlte zum Beispiel Beate, die seriöse Schatzmeisterin in Kathrins Schwarm, regelmäßig die Zechschulden Irenes. Carmen, die Prostituierte im multiplen Persönlichkeitssystem, hatte zuvor das Geld dafür beschafft. Danach verschwanden beide wieder im Dunkel des Gedächtnisverlustes (Amnesie), ohne dass Kathrin je etwas davon erfuhr. Heute ist Kathrin auf dem Weg zu einer schweren Mehrfachabhängigkeit von Drogen und Alkohol. Ob sie jemals angemessen behandelt wird, ist ungewiss. Es sei denn, die Fachwelt in Deutschland wacht auf. Viele multiple Persönlichkeiten sind suchtgefährdet oder süchtig. Angesichts des bekannten Zusammenhangs zwischen psychischem Trauma und Sucht ist dies auch nicht weiter erstaunlich.

Beratung

Der Autor dieses Beitrags, der Diplom-Psychologe Dr. Hans Ulrich Gresch berät Menschen mit Multipler Persönlichkeitsstörung sowie deren Angehörige online via eMail, Telefon oder Bildtelefon (Skype)

Nähere Informationen finden Sie hier.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Fachzeitschrift "drogen-report", heute umbenannt in "Konturen".