Jack London

Schon als Teenager trank Jack London harte Männer unter den Tisch. Als junger Schriftsteller versuchte er, seinen Alkoholkonsum zu kontrollieren. Seine Methode bestand darin, nicht mit dem Trinken zu beginnen, bevor er 1000 Wörter geschrieben hatte. Schnell lernte er, dieses Ziel bereits vor dem Mittagessen zu erreichen. Dann belohnte er sich mit ein paar harten Drinks, die er "pleasant jingle" (angenehmes Geklimper) nannte und schrieb weiter. Nach weiteren 1000 Wörtern hatte er sich noch vor dem Abendessen wieder ein "pleasant jingle" verdient.

Ernest Hemingway

Ernest Hemingway war ebenso trinkfest wie manche seiner Romanfiguren: Bereits zum Frühstück kippte er ein paar Gläser Gin, dann folgten Absynth, Wodka und fünf bis sechs Flaschen Wein pro Tag. Dabei konnte er halbwegs nüchtern wirken, obwohl er sturzbetrunken war.

Raymond Chandler

1932 feuerte das Dabney Oil Syndicate seinen Vizepräsidenten Raymond Chandler wegen Trunksucht und häufiger Fehlzeiten. Chandler sah nur noch eine Möglichkeit, Beruf und Alkoholismus miteinander zu verbinden: Er wurde Kriminalschriftsteller.

Eine lange Liste

Man muss nicht lange überlegen, um weitere Namen berühmter, suchtkranker Autoren aus dem Ärmel zu schütteln: Joseph Roth, Hans Fallada, Joachim Ringelnatz, Ernst Herhaus, William Faulkner, Eugene O'Neill, John O'Hara, Charles Bukowsky, William Burroughs, Scott Fitzgerald, Hart Crane, Truman Capote, Jean Stafford, Edgar Allan Poe und viele andere Schluckspechte der Weltliteratur.

Faszination der Drogen

Offenbar besitzen Drogen Eigenschaften, die gerade Schriftsteller faszinieren:

  • Alkohol z. B. wirkt in kleinen Dosen anregend und belebend, weckt die Lebensgeister, vertreibt Müdigkeit und Sorgen, gibt neuen Schwung, hilft den Gedanken, eingefahrene Gleise zu verlassen, neue Verbindungen herzustellen und löst Schreibblockaden.
  • Wird dem Alkohol über den kleinen Durst hinaus zugesprochen, so entfaltet er beruhigende, einschläfernde und betäubende Wirkungen.
  • Wer von den Produkten seiner Kreativität leben muss, steht nur zu oft unter erheblichem Termin- und Leistungsdruck. Vielfach wird der Stress durch die hohen Maßstäbe des Autors selbst noch verstärkt. Und so liegt es nahe, den Stress durch Alkohol zu unterdrücken, um weiter auf hohem Niveau schöpferisch wirken zu können.
  • Wer sich selbst mit überhöhten Maßstäben misst wie viele Kreative, leidet nicht selten unter nagenden Selbstzweifeln. Alkohol jedoch stimuliert, in größeren Mengen genossen, Größenphantasien und bläht das Selbstwertgefühl gewaltig auf. Oft sind dann die Selbstzweifel wie weggeblasen und an ihre Stelle treten Gefühle künstlerischer Überlegenheit und Unschlagbarkeit.
  • Schriftsteller leiden weitaus häufiger unter Depressionen als andere Bevölkerungsgruppen. Depressive aber neigen dazu, ihre seelischen Qualen mit Alkohol oder anderen Drogen zu betäuben.
  • Cannabisprodukte und Halluzinogene wie LSD oder Mescalin können Tagträume und Trancezustände hervorrufen. In diesen Bewusstseinslagen weicht die Realität des Alltags zurück und gibt der Phantasie Raum. Viele Künstler und andere schöpferisch tätige Menschen sind von den oft farbenprächtigen, verwirrenden, mitunter bizarren Bildern oder auch scheinbar tiefgründigen Symbolen aus ihrer Innenwelt, aus ihrem Unbewussten fasziniert.
  • Amphetamine ("Speed") machen munter, schnell und unterdrücken das Schlafbedürfnis. Bei Schriftstellern können sie den Schreibfluss fördern und die produktiven Phasen verlängern. Da der Schriftsteller aber - so lautet das Motto der Branche - "einen eisernen Arsch und einen großen Papierkorb braucht", also sehr viel Zeit und Ausdauer für seine Arbeit benötigt, ist die Versuchung groß, Amphetamine als Doping einzusetzen. Jack Kerouac z. B., die Gallionsfigur der Beat-Generation, war ein Speed-Freak wie aus einem Beatnik-Roman. 1951 schrieb er den ersten Entwurf von "On the Road" (186.000 Wörter) in einem dreiwöchigen Marathon, natürlich unter dem Einfluss von Amphetaminen.

Kreativität und Drogen

Der Zusammenhang zwischen Kreativität und Drogen ist empirisch kaum erforscht. Manche Künstler waren und sind davon überzeugt, daß Alkohol und andere Drogen ihre schöpferische Kraft verstärken und ihnen jene Intensität des Lebens vermitteln, die sie zum Gelingen ihrer Werke unbedingt benötigen. Es wäre zu einfach, diesen Künstlern Selbstbetrug oder gar eine Lebenslüge zu unterstellen. Es mag durchaus sein, daß Alkohol und andere Drogen zu Beginn einer schriftstellerischen und süchtigen Karriere ein kreatives Feuerwerk entfachen. Einige Autoren wie Jack London bauen den Rauschmittelkonsum als Belohnung in ihren Arbeitsprozess ein, so dass er - durchaus auch im Sinn der Lerntheorie - zu einem Verstärker der literarischen Produktion wird.
Langfristig allerdings dürfte sich der Konsum von Alkohol und anderen Drogen schädigend auf die Kreativität des Schriftstellers auswirken. Der vergleichsweise frühe Abbau der künstlerischen Leistungsfähigkeit von Autoren wie Faulkner, Fitzgerald und Hemingway ist vermutlich auf den chronischen Alkoholmissbrauch dieser Autoren zurückzuführen. Für diese Hypothese gibt es jedoch keine schlüssigen Beweise.

Das bittere Ende

Mit Sicherheit durch Alkoholismus (mit-)verursacht waren jene Krankheiten, unter denen der depressive Säufer und Nobelpreisträger Ernest Hemingway litt, als er sich im Alter von 62 Jahren mit einer großkalibrigen, doppelläufigen Schrotflinte die Schädeldecke wegsprengte: Bluthochdruck, Nieren- und Lebererkrankungen, Ödeme an den Knöcheln, Blutharnen, Diabetes, häufige Muskelkrämpfe, chronische Schlaflosigkeit und Impotenz.

Der Alkohol verkürze zwar das Leben, schrieb Joseph Roth an Stefan Zweig, aber er verhindere den unmittelbaren Tod. "Ich versetze gewissermaßen die letzten 20 Jahre meines Lebens beim Alkohol, weil ich noch 7 oder 14 Tage Leben mir gewinnen muss. Freilich kommt dann, um beim Bilde zu bleiben, plötzlich ein Punkt, wo der Wucherer vor der Zeit über einen herfällt."
1939 starb Roth 44jährig in einem Pariser Armenhospital am Delirium tremens und einer Lungenentzündung.

Beratung

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Dieser Artikel erschien zuerst in der Fachzeitschrift "drogen-report", heute umbenannt in "Konturen".

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