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Es wäre ein Kunstfehler, bei der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen die Angehörigen und andere wichtige Bezugspersonen nicht einzubeziehen.
Die Bedeutung der Familientherapie bei der Behandlung schwer persönlichkeitsgestörter Patienten zu betonen, sollte eigentlich "Eulen nach Athen tragen heißen", denn die rein auf den "Symptomträger" bezogene Behandlung psychischer Störungen sollte angesichts unseres Wissens über Handlungssysteme längst der Vergangenheit angehören. Da die Auswirkungen primitiver Spaltungen auf die Sozialbeziehungen offensichtlich sind, mutet es als Kunstfehler an, wenn die Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen darauf verzichtet, das engere soziale Umfeld der Patienten, und hier besonders die Familie, in die Behandlung einzubeziehen.
"Diesen Spaltungsvorgängen wird meines Erachtens vor allem im Dreieck Patient-Familie-Arzt viel zu wenig Beachtung geschenkt. Allzuoft erfolgt nämlich die Spaltung derart, dass der Therapeut idealisiert und zum guten Objekt wird, während die Eltern die Bösen sind oder gar verteufelt werden. Wenn diese Spaltung in der Therapie nicht aufgelöst werden kann, ist der therapeutische Misserfolg sicher, und die Therapie kann unter Umständen äußerst dramatisch, zum Beispiel mit einem Suizid, enden. Denn wie kann ein Patient nach einer Behandlung zu jenen Menschen zurückkehren, von denen er innerlich noch abhängig ist, wenn er sie verteufelt hat." [112]
Aber auch die Angehörigen müssen mit den Eigenarten des Symptomträger leben lernen. Besonders wichtig ist es, Verteufelungen und Idealisierungen richtig einzuordnen und nicht verstärkend auf sie zu reagieren.
In Familie und Ehe entwickeln sich natürlich nur zu oft interpersonelle, sozusagen institutionalisierte Formen der Abwehr, die sich in der Interaktion der Partner wechselseitig stabilisieren. [113] Was also nützt es, die Neigung des Patienten zu primitiver Abwehr zu bearbeiten, wenn eben diese Tendenz daheim durch Ehepartner bzw. Familienmitglieder reaktiviert wird?
Es geht also darum, "die interaktionell organisierte Abwehr für alle Beteiligten durchsichtig zu machen." [114]
Bei Patienten mit soziopathischen Zügen bzw. bei echten Soziopathen sind die Familienangehörigen oftmals nicht nur in das Gefüge pathogener Wechselwirkungen verstrickt, sie sind vielmehr auch Opfer ihres kranken Familienmitglieds. Hier denke ich zum Beispiel an körperlich misshandelte und/oder sexuell missbrauchte Kinder, verprügelte bzw. vergewaltigte Ehefrauen oder auch nur an die ihrer Eigenwelt beraubten Objekte narzisstischer Fusionen. Derartige Täter-Opfer-Beziehungen erfordern besonderes therapeutisches Fingerspitzengefühl, und dies nicht nur, weil es sich hier um ein Ausagieren handelt, das unter Umständen auch strafrechtlich gewürdigt werden muss.
Es ist durchaus denkbar, dass der therapeutische Prozess, zumal in stark regressiven Phasen, Ausagieren im Sinne einer Gefährdung der Angehörigen stimuliert.
Andererseits sind Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen häufig selbst Opfer familiärer Gewalt oder sexuellen Mißbrauchs durch Familienangehörige. Ob nun Täter oder Opfer, in jedem Fall gilt: "... es ist klar, dass eine der am wenigsten nützlichen Interventionen darin besteht, die Thematik des Missbrauchs zu ignorieren." ("... it is clear that one of the least useful interventions is to ignore the issue of abuse.") [115]
Leider ist die familientherapeutische Literatur doch sehr arm an expliziten Arbeiten zur Behandlung von Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen; andererseits können die familientherapeutischen Standardmethoden natürlich sehr gut auch für diesen Patientenkreis genutzt werden. Eine auch nur kursorische Darstellung dieser Verfahren verbietet sich in diesem Zusammenhang; sie werden als bekannt vorausgesetzt.
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