Wer kein klares Bild von sich selbst und von den anderen hat, ist zu gestörten Beziehungen verdammt.

Gestörte zwischenmenschliche Beziehungen

Diffuse Fremd- und Selbstbilder führen zu instabilen Beziehungen.

Für Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen sind intensive, aber auch instabile zwischenmenschliche Beziehungen kennzeichnend; hier ragen insbesondere schizoide Menschen und Borderline-Kranke hervor. Der schizoide Mensch zieht das Alleinsein der Geselligkeit vor, lebt häufig als Single und bevorzugt kurzfristige Abenteuer oder Romanzen.

Demgegenüber ist der Borderline-Kranke meist unfähig, das Alleinsein zu ertragen; zugleich aber hält er es in Partnerschaften nicht lange aus. Das typische Beziehungsmuster kann wie folgt skizziert werden. Zu Beginn der Beziehung wird der Partner vergöttert, dann aber schon nach kurzer Zeit verteufelt.

Etwas stabiler, mitunter sogar langandauernd sind die Fusionen des schwer narzisstisch gestörten Menschen. Aber auch diese sind beständig vom Scheitern bedroht. Die Sprengkraft dieser Beziehungen liegt in den Riesenerwartungen, die der narzisstisch Gestörte mit der Fusion verbindet. Nicht selten hofft er, durch eine Fusion das Steuer seines Lebens noch einmal herumzureißen. Wenn dann die Riesenerwartungen enttäuscht werden, tritt das Opfer der Fusion wieder als selbständiges Objekt hervor, dem die Rolle des Schuldigen zugewiesen wird.

Bei Soziopathen bzw. bei Borderline-Kranken mit stark soziopathischen Zügen manifestieren sich die gestörten Beziehungsmuster nicht selten in Form unsteter, verantwortungsloser Sexualität. Frauen geben die so produzierten Kinder häufig zur Adoption frei oder treiben sie ab; Männer neigen dazu, die Vaterschaft zu verleugnen.

Am Rande sei erwähnt, dass in diesen Fällen die aggressiven und die zärtlich-sinnlichen Komponenten des Sexualtriebs zumeist entmischt werden und die abgespaltene Aggressivität die Beziehung nach dem Muster von Dominanz und Unterwerfung gestaltet. Gewaltförmige Sexualbeziehungen bis hin zu Vergewaltigungen, erniedrigender Kontakt zu Prostituierten sind häufig. Die Ehepartner, falls vorhanden, werden zu bloßen Versorgungs-Instanzen herabgewürdigt. Wir finden diese Menschen nicht selten unter Sex-Touristen oder gar als Profiteure im Sex-Geschäft (Zuhälter, Bordellbesitzer, Investoren der Sex-Industrie usw.). [61]

Es versteht sich von selbst, dass sich die Beziehungsstörungen schwer persönlichkeitsgestörter Menschen auch auf deren Therapie auswirken. Hier möchte ich mich zunächst der Rolle der Sexualität zuwenden, obwohl diese in der Regel nicht das zentrale Problem der therapeutischen Beziehung darstellt. Da aber in diesem Bereich immer auch die Integrität des Therapeuten und das Ansehen der Psychotherapie auf dem Spiel stehen, soll dieses Thema hier an hervorgehobener Stelle angesprochen werden.

Unter den Patienten, die Therapeuten zu unrecht des sexuellen Missbrauchs bezichtigen, rangieren Borderline-Kranke an erster Stelle. [62] (Dass derartige Anschuldigungen durchaus wahr sein können, sei aus Gründen der Fairness angemerkt.) Zu den in diesem Bereich relevanten Eigenschaften von Borderline-Patienten zählen nach Gutheil[63] die Borderline-Wut, die Bedürftigkeit/Abhängigkeit, die Grenz-Konfusionen, die Manipulationsneigung sowie das narzisstische Anspruchsdenken. (Siehe Teil 2).

[61] "Wenn Aggression der libidinösen Strebung beigemengt sein muss, damit diese ihr Ziel, die Entspannung erreicht, so mildert umgekehrt der Zuschuß von Libido, wie dies Freud betont hat, die aggressiven Impulse. Das heißt: nur die doppelte Umfassung des Triebobjekts, aggressiv-aktiv und libidinös (im Sinne sexueller oder sublimierter Zuwendung), bringt die optimale, Aktion mit Einfühlung verschmelzende Spannung hervor, der eine das Ich und das Es befriedigende Entspannung folgen kann." (Mitscherlich, Alexander: Aggression und Anpassung, in: Marcuse, Herbert u.a.: Aggression und Anpassung in der Industriegesellschaft. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1968, Seite 91)
Eine derartige doppelte Umfassung des Triebobjekts ist auf der Basis primitiver Spaltungen in nur gute und nur böse Objekte nicht denkbar.
[62] Gutheil, Thomas G.: Borderline Personality Disorder, Boundary Violations, and Patient-Therapist Sex: Medicolegal Pitfalls, in: American Journal of Psychiatry, 146,5,1989, p.597-602
[63] ebenda

Inhalt

Randbemerkungen zur psychotherapeutischen Methode


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