Die Brennpunkte (Foki) der tiefenpsychologischen Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen bilden die charakteristischen Muster des Verhaltens und Erlebens, die Folge des übermäßigen Gebrauchs primitiver Abwehrmechanismen sind.

Keine klassische Couch-Behandlung. Die Therapie von Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen wird im vorliegenden Entwurf als tiefenpsychologisch orientierte Fokalbehandlung konzipiert. Diese Fokalbehandlung wird durch einige andere Therapie-Methoden ergänzt, die durch die Besonderheiten dieser Störungsgruppe notwendig werden. Hierzu später mehr. >

Eine klassische psychoanalytische Couchbehandlung ist für die überwiegende Mehrheit dieses Patientenkreises kontraindiziert, da das mit dieser Therapie verbundene Regressionsangebot nur selten als Regression im Dienste des Ichs genutzt wird, sondern vielmehr eine weitere Fragmentierung des Ichs begünstigt und die Neigung verstärkt, sich in einem Ozean primärprozesshaften Denkens zu verlieren. Häufig wird der Patient versuchen, den Analytiker in eine Fusion zu zwingen. Wird dies dann als Widerstand gedeutet, beginnt der Patient, den Analytiker zu verteufeln oder sich von ihm wahnhaft verfolgt zu fühlen. Ein tragfähiges Arbeitsbündnis ist auf dieser Grundlage schwierig, wenn nicht unmöglich.>

Grawe und Mitarbeiter haben in eine großangelegte Meta-Evaluation psychotherapeutischer Verfahren auch die psychoanalytische Fokalbehandlung einbezogen. Einer ihrer Befunde lautet, dass persönlichkeitsgestörte Patienten sehr effektiv mit dieser Methode behandelt werden können. [49]

Störungen des Selbst und der Objektbeziehungen. Nach Streeck greift der Fokus bei Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen "meist keinen Fokalkonflikt auf, sondern die charakteristischen Störungen des Selbst und der Objektbeziehungen." [50] Dementsprechend sollen sich die Foki in der von uns konzipierten Therapie in den thematischen Feldern der vorgenannten grundlegende Therapieziel-Schemata bewegen. Dabei wird der jeweilige Fokus natürlich in den unterschiedlichen therapeutischen Interaktionsfeldern der stationären Behandlung verschieden akzentuiert und aus wechselnden Perspektiven beleuchtet.>

Gerade in der stationären Behandlung, in der einerseits die Patienten ihre Konflikte bzw. ihre Struktur-Defekte in unterschiedlichen Interaktionssystemen inszenieren bzw. agieren und andererseits das Team interdisziplinär zusammengesetzt ist, muss die Gefahr einer Fragmentierung des therapeutischen Prozesses sehr ernst genommen werden. Es braucht nicht näher erläutert werden, warum eine derartige Fragmentierung gerade bei Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen auf jeden Fall vermieden werden muss. Es besteht also die dringende Notwendigkeit, das "gemeinsame Band" zu finden. >

"Wie aber sind die verschiedenen therapeutischen Aktivitäten dann auch inhaltlich im Hinblick auf ihren therapeutischen Gegenstand konsistent aufeinander abzustimmen, und wie lässt sich gewährleisten, dass in den verschiedenen therapeutischen Interaktionsfeldern auch gleichsinnige und womöglich nicht gegenläufige Behandlungsziele angestrebt werden? Die Antwort kann in vielen Fällen - durchaus nicht immer - lauten: indem die klinisch-psychotherapeutische Behandlung als Fokalbehandlung organisiert wird." [51]

Die für Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen charakteristischen Dysregulationen im Bereich des Selbsts und der Objektbeziehungen beruhen auf unzulänglichen kognitiv-affektiven Schemata, die das Verhalten und Erleben steuern. Diese Schemata entziehen sich natürlich der direkten Beobachtung; wir können sie aber aus dem modus operandi rekonstruieren, wie sie sich in den Kommunikationen und Interaktionen des Patienten in Szene setzen. Diese charakteristischen Inszenierungen auf Grundlage der defekten Schemata bilden die Foki der tiefenpsychologisch orientierten Behandlung.>

Agieren. Freud spricht von Agieren, wenn der Patient Abgewehrtes nicht erinnert und in Worte kleidet, sondern es stattdessen als Tat wiederholt, ohne natürlich zu wissen, dass er es wiederholt. [52] Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen kennzeichnet eine besonders ausgeprägte Tendenz zum Agieren. Nach Blos existiert eine große Zahl unbewusster Bedingungen für die Neigung zum Agieren. Hierzu zählen frühe Traumata mit einer unzulänglichen Fähigkeit zur Symbolbildung, Störungen des Realitätssinns, Fixierungen auf der Ebene der Magie des Handelns. [53] Dies sind natürlich Bedingungen, die wir sehr häufig bei Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen finden.>

Anders als im Couch-Setting wird dieses Agieren in der psychotherapeutischen Klinik nicht als störend empfunden, sondern als aktionale Schicht der Foki ins Zentrum der Behandlung gerückt. [54] In den bewusst dramatisierten, fokusgesteuerten therapeutischen Interaktionen der Klinik kann der Patient lernen, die seinem Agieren zugrunde liegenden Gedächtnisspuren in Worte zu kleiden und in Erfahrung zu verwandeln. Indem er das Abgewehrte unter therapeutischer Begleitung in die Tat umsetzt, erhält er erstmals die Chance, es mit einer symbolischen Ebene zu verbinden.>

In diesem Bereich zeigt sich besonders deutlich, dass Psychotherapie im Grunde keine am Behandlungsmodell der Schulmedizin orientierte Intervention, sondern eine "Sonderform sozialer Interaktion" [55] darstellt.>

In der sozialen Interaktion der therapeutischen Gemeinschaft, die sprachliche und nicht-sprachliche Elemente enthält, können Therapeut und Patient gemeinsam den Sinn der zunächst unverständlichen, agierten Handlungen ergründen und zu einem Konsens gelangen. Voraussetzung ist eine therapeutische Atmosphäre, die korrigierende emotionale Erfahrungen ermöglicht. Hier geht es vor allem um das Vertrauen, die von den Traumata erzeugten begriffslosen Klischees (im Sinne von Lorenzer [56]) ) in Symbole übersetzen zu können - ohne Gefahr zu laufen, in einer Sturmflut von Ängsten vernichtet zu werden. >

[49] Meyer, A.E., R. Richter, K. Grawe, J.M. Graf v.d. Schulenburg, B. Schulte: Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes. Hamburg 1991, Seite 88
[50] Streeck, Ulrich: Klinische Psychotherapie als Fokalbehandlung, in: Zeitschrift für psycho­somatische Medizin, 37,3-13,1991
[51] ebenda, Seite 5
[52] Freud, S.: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten, in: GW Bd. 10, S.125-136
[53] Blos, P.: The concept of acting out in relation to the adolescent process, in: Journal of Academical Child Psychiatry, 2,118-143, 1963
[54] In gravierender Form fremd- oder selbstschädigendes Verhalten muss natürlich unterbunden werden; andere Formen des Agierens sind im Klinik-Setting jedoch weniger kontraproduktiv als in der Couchbehandlung. Um dies zu verstehen, müssen wir uns ins Gedächtnis rufen, warum das Agieren in der klassischen Analyse eingeschränkt werden soll.
"Sagen wir einmal, durch die analytische Arbeit sei ein Impuls beim Patienten wach geworden. Es kann ein aggressiver oder auch ein libidinöser Impuls sein. Weiter, dieser besondere Patient könnte ihn nicht halten, nicht in der Analyse halten, ihn verbalisieren und unbefriedigt lassen, d.h. in dem Zustand, in welchem wir ihn analysieren wollen. Statt dessen handelt er in seinem äußeren Leben danach. Zu dem Zeitpunkt, da wir ihn in die Analyse bekommen, hat der Impuls bereits seinen Lauf genommen, sich befriedigt, und wir bekommen in nicht mehr heiß, sondern bereits erkaltet. Das war eigentlich der wichtigste Gesichtspunkt für den Versuch, das Agieren auf die Übertragung einzuschränken."
So äußerte sich gegen Ende ihres Lebens Anna Freud in einem Workshop über ihr frühes Buch "Das Ich und die Abwehrmechanismen" zum Thema Agieren. (Sandler, Joseph mit Anna Freud: Die Analyse der Abwehr. Stuttgart (Klett-Cotta) 1989, Seite 47)
Zum vollen Verständnis dieses Zitats sei erwähnt, dass die Aktualisierung in der Übertragung von Freud als Agieren verstanden wurde. Freud ordnet dem Begriff des Agierens unterschiedliche Bedeutungen zu (vgl. Laplanche, J & Pontalis, J.B.: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt a.M., 1972, Seite 36); dies kann leicht zu Missverständnissen führen. Bei kontraproduktiven Formen des Agierens in der Übertragung verwende ich daher den Begriff "transference acting out" (vgl. Seite 31 f.). In unserem Zusammenhang besonders wichtig ist die Formulierung:
"Wir bekommen den Impuls in der Analyse nicht mehr heiß!" Das ist im Setting einer therapeutischen Gemeinschaft natürlich anders. Hier tritt der Impuls unter teilnehmender Beobachtung in seine heiße Phase; er wird nicht im "äußeren Leben", also anonym befriedigt; und so ist er natürlich auch der Analyse zugänglich.
[55] Steek, a.a.O., Seite 9
[56] Lorenzer, Alfred: Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1972. Lorenzer versteht unter Klischees unbewusste Inhalte, die aufgrund ihres traumatischen Ursprungs der symbolischen Kommunikation entzogen wurden. Sie können sich aber in Form eines Symptoms oder durch Agieren äußern.

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