
Kontakt: eMail | Beratungstelefon: 0911-9197442 | (kostenpflichtig: € 10,00 pro 15 Min., Erstgespräch kostenlos)
Borderline-Patienten leiden zwar nicht unter Realitätsverlust wie Schizophrene, aber sie leiden unter z. T. schwerwiegenden Verzerrungen ihrer Realitätswahrnehmung und -beurteilung. Dies ist vor allem die Folge ihrer Neigung zum Einsatz primitiver Abwehrmechanismen.
Die zentrale Funktion der Realitätswahrnehmung, nämlich die Fähigkeit, zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu unterscheiden [47] , ist bei den schwer persönlichkeitsgestörten Menschen weitgehend erhalten. Es kommt also in der Regel nicht zum Zusammenbruch der konventionellen Wirklichkeitsinterpretation wie bei den Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises. Allerdings werden zum Beispiel bei manchen Borderline-Kranken sog. minipsychotische Episoden beobachtet.
Die Tatsache einer weitgehend intakten Realitätsprüfung bedeutet jedoch nicht, dass schwer persönlichkeitsgestörte Menschen keine gravierenderen Verzerrungen der Realitätswahrnehmung aufwiesen als die sog. Normal-Population. Ihre Realitätswahrnehmung kann selbstverständlich nur so angemessen sein, wie dies die primitiven Abwehrmechanismen, die Identitätsdiffusion und die Fusionsneigung zulassen. Dies wird natürlich bei den Abwehrmechanismen besonders deutlich, denn diese sind ja ein integraler und wesentlicher Bestandteil der Wahrnehmungs-Schematismen.
Wie Erikson [48] gezeigt hat, entwickelt sich im Jugendalter bei psychisch relativ gesunden Jugendlichen eine stabile Ich-Identität, indem der Heranwachsende seine diffusen Ich-Bilder auf andere Menschen projiziert und sie in dieser Spiegelung allmählich klarer sieht. Dies bedeutet, dass sich Selbstbild und Wirklichkeitsinterpretation in einem dialektischen Wechselspiel herausbilden und dass einer diffusen Identität ein diffuses Weltbild entspricht.
Das "Entweder-Oder-Schema" der primitiven Spaltung verhindert die Wahrnehmung von Zwischentönen und behindert somit die Wahrnehmung einer Welt, für die graduelle Abstufungen sowie Konfigurationen des "Sowohl-als-auch" kennzeichnend sind.
Die Neigung, mit Fusionsobjekten in einer privatsprachlich primärprozesshaften Weise zu kommunizieren, etabliert einen magischen Denkstil, der die Außenwelt durch Beschwörungen und Zauberformeln unter Kontrolle zwingen will.
Auffällig ist auch eine unter Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen weit verbreitete Unfähigkeit, zwischen Worten und Taten zu unterscheiden: Gesagt = getan.
Die Tendenz zur Entwertung und zum Wüten gegen die Umwelt einerseits sowie zur primitiven Idealisierung andererseits entsprechen der Unfähigkeit, die Stärken und Schwächen der Mitmenschen realistisch einzuschätzen. Gegner werden unterschätzt, solange sie sich schwach zeigen, und überschätzt, sobald sie Stärke unter Beweis stellen.
Die für Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen charakteristischen Lernstörungen lassen eine systematische oder gar wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Realität in der Regel nicht zu; kompensatorisch vermittelt die Grandiosität dem Betroffenen das Gefühl, mühelos göttlicher Weisheit teilhaftig zu sein.
Durch rigides Beharren auf einmal gewonnene Einstellungen versuchen sich Menschen mit diffuser Identität vor einer weiteren Auflösung ihres Ich zu schützen. Auch wenn die Einstellungen ursprünglich zutreffend waren, verhindern sie doch eine angemessene Wahrnehmung von Veränderungen. Diese Menschen sind selten wirklich innovativ und halten vielmehr starr an alten, mitunter überlebten Werten fest. Sie sind zutiefst neophobisch.
Einen interessanten Spezialfall stellt der kontra-neophobische Typus dar: Er ist scheinbar der Projekte-Schmied schlechthin. Aber seine Projekte stellen sich in den meisten Fällen als Luftschlösser heraus, die niemals verwirklicht werden, weil sie nicht hinlänglich an die Realität angepasst sind. Und so kann sich der kontra-neophobische Mensch als innovativ erleben und sich von Fortschrittsfeinden verfolgt fühlen, ohne auch nur ein Gran zur Veränderung bestehender Verhältnisse beigetragen zu haben.
Die Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen muss den Patienten helfen, Zwischentöne wahrzunehmen und den Denkmodus des "Entweder-oder" durch das "Sowohl-als-auch" zu ergänzen. Der Patient muss lernen, äußere Veränderungen nicht als Identitätsbedrohung zu erleben und ihre Wahrnehmung nicht durch rigide Einstellungen zu blockieren.
Beratung für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und deren Angehörige via eMail oder Telefon
© Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch / Web Design: Matthew James Taylor.