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Man findet heute in der Biologie, der Physik, der Medizin und erst recht der Psychologie kaum noch
einen ernstzunehmenden Wissenschaftler, der nicht davon überzeugt
wäre, dass unser Denken, Fühlen und Wollen letztlich Ausdruck
der Tätigkeit unseres Gehirns seien. Einen unabhängigen Geist
gibt es aus dieser naturwissenschaftlichen Sicht nicht.
Es wird als Ärgernis empfunden, vom Bewusstsein immer noch in der Alltagssprache sprechen zu müssen; lieber würde man den Maschinen-Code des Nervensystems verwenden.
Wie nie zuvor streiten sich die Philosophen über das Bewusstsein. Immer lauter, frecher und einflussreicher werden jene Denker, die das Bewusstsein für eine Illusion halten. Der Mensch täusche sich, wenn er sich als geistiges Wesen betrachte, dass seinen Körper kontrollieren könne wie ein Werkzeug. Der Mensch sei vielmehr der Körper - und das Bewusstsein sei identisch mit den Prozessen in seinem Nervensystem. Man nennt diese heute tonangebende Position "Materialismus" - das Bewusstsein wird als "Epiphänomen" der Materie betrachtet. Unter einem "Epiphänomen" versteht man ein Phänomen, das zwar verursacht wurde, selbst aber keine Wirkung hat. Das Bewusstsein ist aus dieser Sicht also das Produkt von Prozessen im Nervensystem; es bewirkt aber nichts, weder innerhalb, noch außerhalb des Nervensystems im Rest der Welt. Es fragt sich allerdings, woher wir dann überhaupt wissen, dass wir ein Bewusstsein haben. Wäre dieses Wissen nicht eine Wirkung des Bewusstseins - die es ja gar nicht geben dürfte, wenn das Bwusstsein ein Epiphänomen wäre?
Wie auch immer. Mir geht es in diesem Text nicht darum, die philosophischen Feinheiten dieses Problems auszuloten. Man hat ohnehin den Eindruck, dass die heute tonangebenden Philosophen sich um diese Feinheiten nicht viel scheren. Die Vorstellung, dass Geist und Bewusstsein identisch seien mit Prozessen im Nervensystem, erscheint ihnen als die einzig vernünftige. Wer daran Zweifel anmeldet, gilt als hoffnungslos antiquierter Geisteswissenschaftler, der sich gefälligst die bahnbrechenden Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften aneignen solle.
Fragt man nun aber, wie denn das naturwissenschaftliche
Modell des Bewusstsein konkret aussehe, dann erntet man ein mildes Lächeln.
Nein, natürlich wisse man heute noch nicht, wie aus den Ionenflüssen
an den Zellmembranen Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und Stimmungen
entstünden, aber es sei bloß eine Frage der Zeit, bis diese
Fragen geklärt seien.
Der bedeutende Neurophysiologe und Nobelpreisträger John Eccles,
der als einer der wenigen führenden Naturwissenschaftler Zeit seines
Forscherlebens dieser materialistischen Vorstellung widersprach, nannte
diese Ausflucht den "Schuldschein-Materialismus". Mit seiner
dualistischen Theorie eines Wechselspiels zwischen der Materie des Gehirns
und einem autonomen Geist konnte sich Eccles in der Fachwelt allerdings
nicht durchsetzen, obwohl ihm seine Kollegen kaum mehr entgegenhalten
konnte als ihre Mutmaßungen über die materiellen Grundlagen
des Bewusstseins.
Und so findet man heute in der Biologie, der Physik, der Medizin kaum noch einen ernstzunehmenden Wissenschaftler, der nicht davon überzeugt wäre, dass unser Denken, Fühlen und Wollen letztlich Ausdruck der Tätigkeit unseres Gehirns seien, und dass es einen vom Nervensystem unabhängigen Geist nicht gäbe. Auch in der Psychologie, die sich seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts stark an den etablierten Naturwissenschaften orientiert, hat sich die materialistische Auffassung durchgesetzt.
Entsprechend erfreut sich die Neuropsychologie steigender Beliebtheit - und dies insbesondere seit der Erfindung und Vervollkommnung der computerisierten, bildgebenden Verfahren (Stichwort: Computer-Tomographie), mit dem man dem Gehirn bei der Arbeit zuschauen kann. Viele meinen dort nicht etwa Nervenzellen, sondern das Bewusstsein wahrzunehmen.
Natürlich meldet sich in allen einschlägigen Disziplinen eine trotzige Minderheit zu Wort, die dem vorherrschenden Materialismus widerspricht. Doch diese Stimmen laufen Gefahr, als Esoteriker eingestuft und belächelt zu werden.
Trotz aller Verschiedenheit eint eine Grundüberzeugung fast alle
Positionen zum Bewusstsein. Diese Grundüberzeugung ist so selbstverständlich,
dass sie in der Regel gar nicht problematisiert wird.
Es ist die Vorstellung, dass das Bewusstsein dem Individuum, dem einzelnen Menschen zugeordnet werden müsse. Ganz gleich, ob das Bewusstsein nun als Aktivität von Nervenzellen oder als immaterielle Seele aufgefasst wird - Einigkeit besteht darin, dass es seinen "Sitz" im Einzelwesen habe und in irgend einer Weise mit dem Körper verbunden sei.
Diese Vorstellung ist allerdings gar nicht mehr so selbstverständlich, wenn man an die Sprache denkt. Sprache ist nicht nur ein wesentlicher Träger des Bewusstseins, sie ist auch ohne eine Sprachgemeinschaft, die viele Menschen, die im Grunde die Menschheit umfasst, gar nicht denkbar. Bemerkenswert ist auch, dass die Menschheit zu 99 Prozent ihrer Geschichte gar kein Ich-Bewusstsein hatte, sondern ein Stammes- oder Wir-Bewusstsein.
Unser Bewusstsein entwickelt sich durch Erfahrung - und Erfahrung ist sprachlich vermittelt. Durch Sprache kommunizieren und kooperieren Menschen miteinander. Die Gesamtheit all dieser kommunikativen und kooperativen Prozesse könnte man die menschliche Praxis nennen. Darunter verstehe ich nicht nur die Praxis im engeren Sinne, die sich auf die Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen bezieht, sondern auf die Lebenspraxis allgemein. Diese umschließt Beruf und Freizeit, Spaß und Ernst, zielgerichtetes Verhalten und pures Vergnügen. Was immer wir tun, und sei es auch im stillen Kämmerlein oder auf einer einsamen Insel, bezieht sich zumindest über unsere Gedanken, also durch Sprache auf die menschliche Gemeinschaft und deren Tätigkeit. Bewusstsein ist demgemäß die Erfahrung der menschlichen Praxis. Daraus folgt natürlich zwangsläufig, dass Bewusstsein immer auch Veränderung ist.
Kein Mensch kann sich aus der Geschichte auszuschließen. Wir alle sind durch unsere Teilnahme an der menschlichen Praxis mit ihr verbunden. Geschichte aber ist Veränderung - und so verändern auch wir uns beständig, ob uns das gefällt oder nicht. Es ist also im Grunde falsch, einem Menschen, der Probleme mit sich und der Welt hat, eindringlich zu raten, er müsse sich verändern. Er verändert sich ja sowieso. Er muss auch sein Bewusstsein nicht verändern, denn dies ist ja seine Erfahrung der Veränderung - und mit diesen Erfahrungen verändern sich sogar die Inhalte der Begriffe, die wir verwenden. Nicht wir müssen uns, unser Denken, Handeln, Fühlen, unsere Wahrnehmungen und Stimmungen verändern. Nicht das Individuum ist das Ziel der Veränderung, zumindest nicht allein. Wenn alles gut läuft, können wir uns dem Fluss der Veränderungen, die sich ohnehin vollziehen, überlassen. Doch mitunter müssen wir zwar nicht uns selbst, sondern unsere Lebenspraxis umgestalten.
Auch ich neige zu der Auffassung, dass unsere Erfahrung der menschlichen Praxis, unser bewusstes Sein also, sich in den Prozessen in unserem Nervensystem widerspiegelt. Aber ich halte es für falsch, sich, wie manche biologisch orientierte Psychiater, nur auf Störungen des Nervensystems zu konzentrieren. Dies ist eine höchst einseitige Sicht. Überdies handelt es sich zur Zeit, trotz bildgebender Verfahren, noch um einen sehr getrübten Blick. Wir kennen ja die neurologischen Korrelate der Erfahrungswelt eines Menschen höchstens in allerbescheidensten Ansätzen.
Und auch das Urteil über die Effektivität einer
Psycho-Pille beruht im wesentlichen auf Beobachtungen der Handlungen von
Menschen - und weniger auf den Auswirkungen, die das Medikament im Nervensystem
zeitigt. Schon mancher spätere Drogenabhängige meinte, er könne
mit Drogen sein Bewusstsein verändern. Was dann aber unter Umständen
tatsächlich sein Bewusstsein veränderte, waren nicht die bunten
inneren Bilder, die von den Halluzinogenen ausgelöst wurden - sondern
die sozialen Konsequenzen, die sich aus der drogenbedingten Veränderung
der Lebenspraxis ergaben.
Bewusstsein ist Veränderung - und Erfahrung unserer Lebenspraxis.
Psychotherapie kann den Menschen nicht verändern. Sie kann ihm bestenfalls
helfen, im steten Fluss der Veränderung den Kopf über Wasser
zu halten.
Soll sich aber etwas Grundlegendes verändern, dann darf man nicht beim Individuum ansetzen, sondern dann muss man die Lebenspraxis der menschlichen Gemeinschaften verändern.

John C. Eccles: Wie das Selbst sein Gehirn steuert. München (Piper) 1997
Erhard Oeser und Franz Seitelberger: Gehirn, Bewusstsein und Erkenntnis. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1995
"Es ist ... wichtiger und vernünftiger, unseren Geist zu materialisieren, statt zu versuchen, die "Materie" zu vergeistigen. Wenn der Geist nicht Ausdruck in materieller Form findet beziehungsweise in einer Handlung und Verwirklichung im Leben, dann ist er lediglich ein bloßer Gedanke oder eine verschwommene Emotion, die in eines Menschen Kopf oder in seiner Seele verbleibt und niemals in Worten, Handlungen oder Kunstwerken ihren Ausdruck findet."
Lama Anagarika Govinda
Unter Emergenz versteht man das Auftauchen neuer Qualitäten in einem System, die durch die Elemente dieses Systems nicht erklärt werden können. So ist z. B. die Nässe ein Phänomen, das sich nicht aus den Wasser-Molekülen ableiten lässt.
Aus meiner Sicht ist das Bewusstsein eine Emergenz - nicht des indiviuellen Nervensystems, sondern verschalteter Nervensysteme, also menschlicher Gemeinschaften. Oder, präziser formuliert: Indem es einer Affenart gelang, ihre Nervensysteme via Kommunikation miteinander zu verschränken und diese Verschränkung selbst zum Thema der Reflexion zu machen, wurde sie zur Menschheit.
Und so kann das Bewusstsein auch nicht abgeleitet werden aus den Elementen, aus denen menschlichen Gemeinschaften bestehen, also den Individuen. Das Gefühl der Außerkörperlichkeit unseres Bewusstseins hat also nicht nur ideologische Wurzeln, sondern einen Realgrund. Dieser Realgrund verbietet jeden materialistischen Reduktionismus in Fragen des Bewusstseins.