
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Menschen mit ungewöhnlichen subjektiven Überzeugungen werden schnell als Spinner abgetan. Wenn sie unter ihren Überzeugungen leiden oder wenn sie aufgrund ihrer Vorstellungen für sich oder andere mutmaßlich gefährlich werden könnten, bezeichnet man sie als Wahnsinnige. Der Psychiater diagnostiziert dann eine Schizophrenie oder Psychose. Mögliche Konsequenz: Freiheitsberaubung und Körperverletzung (Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung) ohne rechtfertigende Tat. Das Argument: Diese Menschen seien aufgrund einer Wahnerkrankung nicht mehr in der Lage, eigenverantwortlich zu handeln. Was ist eigentlich Wahn, was Wirklichkeit?
Die meisten Menschen meinen zu wissen, was sie sagen, wenn sie behaupten: "Das ist doch Wahnsinn!" Diese Gewissheit schmilzt jedoch sehr schnell dahin, wenn man aufgefordert wird, den Wahn zu definieren. Sogar die Spezialisten für den Wahnsinn, die Psychiater haben sich nicht auf eine allgemeinverbindliche Definition des Wahns verständigen können. In den Lehrbüchern findet man als kleinsten gemeinsamen Nenner Formulierungen folgender Art: "Ein Wahn ist eine unkorrigierbare falsche Beurteilung der Realität, die auf logischen Widersprüchen beruht und gesichertem Wissen widerspricht."
Diese Minimaldefinition hält natürlich keiner erkenntnistheoretischen Prüfung stand. Bei genauerer Betrachtung erweist sie sich nämlich als Legitimation von Vorurteilen. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Mensch wird einem Psychiater vorgestellt. Er behauptet, er würde von Außerirdischen durch Strahlungen kontrolliert. Er ist in heller Panik und verdächtigt seine Nachbarn, mit den Aliens zusammenzuarbeiten.
Der Psychiater diagnostiziert eine Psychose und verschreibt antipsychotische Medikamente. In seinen Bericht schreibt er, der Patient litte an Wahnvorstellungen, an einer paranoiden Schizophrenie. Diese Diagnose würde vermutlich weder von Fachleuten, noch von den Angehörigen oder gar den beschuldigten Nachbarn in Frage gestellt. Dennoch: Sie selbst ist eine Wahnvorstellung, die logisch unsauber ist und auf Denkfehlern beruht. Denn es ist ja überhaupt nicht auszuschließen, dass der Betroffene tatsächlich von Außerirdischen mit Strahlen kontrolliert wird und dass seine Nachbarn mit den Tätern unter einer Decke stecken. Das mögen wir für sehr, sehr unwahscheinlich halten - aber unser Einstellung ist dann auch nichts weiter als eine Meinung, die auf unserer subjektiven Realität beruht.
Man könnte einwenden, die Behauptungen unseres Psychiatrie-Patienten seien wahnhaft, weil sie auch durch Tatsachen und logische Schlussfolgerungen nicht korrigiert werden könnten. Doch welche Tatsachen sprechen denn dagegen, dass die Geschichte stimmt? Sicher: Es gibt keinen Beweis für die Existenz Außerirdischer. Stimmt, klar. Doch es gibt auch keinen Beweis für die Existenz Gottes? Sind dann alle Gottesgläubigen wahnkrank?
Es dürfte einleuchten, dass wir auf diesem Weg nicht weiterkommen. Die Diagnose "Wahn" beruht eindeutig auf einem subjektiven Urteil: bestenfalls auf dem sog. gesunden Menschenverstand, schlimmstenfalls auf purer Ignoranz.

Narren regieren die Welt
© Gerd Altmann / Pixelio
Was tun? Soll man versuchen, Menschen mit "Wahnideen" von der Unangemessenheit ihrer Vorstellungen zu überzeugen? Soll man ihnen Medikamente geben, die diese "Wahnideen" unterdrücken?
Es mag manche "Psychotiker" oder "Schizophrene" geben, die genau dies wünschen. Andere aber möchten ihren Wahn gern behalten. Es ist ihr Wahn. Sie haben sich mit ihm in ihrer Welt eingerichtet.
Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, aus meiner Sicht gebietet es sogar der Respekt vor diesen Menschen, ihre Sicht der Dinge ernstzunehmen. Helfer sollten nicht versuchen, die Überzeugungen der Menschen zu verändern, so skuril diese auch immer erscheinen mögen. Sie sollten vielmehr die Ratsuchenden, falls dies erforderlich ist, dabei unterstützen, die mit dem "Wahn" verbundenen Probleme besser zu meistern.
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Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch