
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Wer hätte nicht einmal ein seelisches Problem? Doch, halt, mein Freund, wer wird denn gleich zum Psychiater rennen. Greife lieber zum Selbsthilfe-Buch. Dann geht (fast) alles wie von selbst. Vermeiden Sie Psychodiagnosen, denn Psychodiagnosen sind gefährlich. Sie können durch sie ihren Job, ihre Freunde, ihren Partner verlieren. Vom Psychiater oder Psychotherapeuten bekommen Sie aber eine Psychodiagnose. Weil: die Krankenkassen und Privatversicherungen wollen es so. Das ist natürlich verständlich. Ganz anders das Selbsthilfebuch. Es verpasst Ihnen keine Diagnose. Es ist diskret. Sie können es unbesorgt in ihre Wohnung lassen. Es hilft wie ein guter Freund.
Selbsthilfebücher und Psycho-Ratgeber sind überaus populär. Jährlich erscheinen weltweit Tausende, allein über 2000 in den Vereinigten Staaten, nach Auskunft der American Psychological Association. Allein diese enorme Quanität spricht dafür, dass diese Bücher ihren Lesern einen Nutzen bringen. Doch die Frage ist natürlich, ob sie nicht besser bei einem professionellen Therapeuten aufgehoben wären und ob der Nutzen nur subjektiv (vielleicht gar illusorisch), oder tatsächlich objektiv nachweisbar ist.
Es gibt eine gößere Zahl empirischer Studien, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Sie beziehen das gesamte Spektrum der sog. psychischen Störungen ein. Zur zusammenfassenden, quantitativen und qualitativen Bewertung dieser Forschungen wird heute die sog. Metanalyse eingesetzt, die sämtliche relevanten Studien quantitativ zusammenfasst.
Inzwischen liegen vier große metaanalytischen Studien vor (1-4). Das entscheidende Maß solcher Studien ist die sog. "Effect size" (Effektgröße oder Effektstärke). Eine Effektgröße von 0,1 bis 0,32 bedeutet einen kleinen, zwischen 0,33 bis 0,55 einen mittleren und von 0,56 bis 1,2 einen großen Effekt.
Die wesentlichen Erkenntnisse dieser Studien lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Die Unterschiede zwischen der Selbstbehandlung mit und ohne therapeutische Unterstützung sind also sehr klein und statistisch nicht signifikant. Mit anderen Worten: Selbsthilfe-Handbücher und Psycho-Ratgeber sind sehr effektiv. Die Effektivität ist mit der Effektstärke von Psychotherapien vergleichbar. In einer zusammenfassenden Studie der wichtigsten Metaanalysen zur Psychotherapie fand Wampold (2001) eine allgemeine Effektstärke der Psychotherapie von 0,80 (5).
All diese Studien und Metaanalysen sind mit methodischen Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten behaftet. Daher sollte man aus diesen Zahlen nicht schließen, dass die Lektüre von Selbsthilfebüchern mehr Erfolg bringe als der Gang zum Psychotherapeuten. Aber in vielen Fällen - dies dürfte bei gegebener Datenlage klar sind - reicht das Studium von Selbsthilfebüchern und Ratgebern zur Meisterung seelischer Probleme völlig aus. Diese Daten bestätigen im übrigen meine Idee, dass die Heilung der Seele immer eine Selbstheilung ist. Therapeuten oder Autoren von Selbsthilfebüchern können Anregungen geben, psychologisches Wissen beisteuern, auf blinde Flecken hinweisen, Perspektiven eröffnen - aber sie können nicht heilen. Verändern muss sich der Einzelne selbst.
Siehe auch: Psychodiagnosen und Selbstheilung

© Gerd Altmann / Pixelio
Natürlich nicht! Schließlich gibt es ja auch Analphabeten mit psychischen Störungen. Das ist jetzt nicht so sarkastisch gemeint, wie es klingt. Es ist nun einmal eine traurige Tatsache, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft - aus welchen Gründen auch immer - mit Geschriebenem nicht übermäßig viel anfangen können. Allein schon für diese Menschen muss es Psychotherapeuten oder andere psychologische Berater geben.
Der Einwand, dass manche Menschen viel zu gestört seien, um vom Psycho-Buch profitieren zu können und daher psychotherapeutische Hilfe brauchten, zählt allerdings nicht. Denn diese Menschen, die sog. Psychotiker, werden in aller Regel von Psychotherapeuten gar nicht angenommen, sondern zum Psychiater geschickt. Und der Psychiater zückt den Rezeptblock... oder setzt gleich ohne viel Federlesens die Depotspritze.
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