Psychoscripte

Was ist eigentlich die Seele?

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Die moderne Psychologie meidet den Begriff der Seele wie der Teufel das Weihwasser. Er ist ihr nicht wissenschaftlich genug. Das stimmt auch. Für die Bedürfnisse von Forschern und Technikern ist dieser Begriff zu schwammig, zu wage, zu romantisch. Vor allem: Man kann die Seele nicht messen. Man kann sie nicht auf die Waage oder unters Mikroskop legen. In wissenschaftlichen Abhandlungen hat sie daher nichts zu suchen. Doch wen kümmert das, außerhalb der Wissenschaft? Wer sich selbst erforschen, erkennen und verändern, wer seine eigene Innenwelt ernstnehmen will, kommt um diesen Begriff nicht herum.

Die gestutzten Flügel der Seele

Die Psyche in der modernen Psychologie und der alten Philosophie

Die moderne Psychologie versteht sich als Wissenschaft vom Verhalten und Erleben. Die Seele oder Psyche kommt zwar noch im Namen vor; sie wird aber nicht als der Gegenstand dieser Wissenschaft betrachtet. Sie ist zu einer Wissenschaft ohne Seele geworden.

Die Gründe für diese Entwicklung sind leicht zu verstehen. Die moderne Psychologie orientiert sich an den Naturwissenschaften. Sie experimentiert, arbeitet mit Fragebögen und systematischen Beobachtung von Menschen unter kontrollierten Bedingungen. Sie quantifiziert menschliches Verhalten und Erleben und wertet die Ergebnisse statistisch aus.

Die Psyche bzw. Seele ist aber nicht messbar, man kann sie auch nicht beobachten wie das Verhalten von Menschen oder protokollieren wie seine sprachlichen Äußerungen. Die Seele kann man nur selbst erfahren. Für die moderne, empirische Psychologie ist die Seele eine störende Größe. Und so verzichten die meisten Lehrbücher der Psychologie auf die Erwähnung dieses Begriffs und erst recht auf eine Definition.

Dieser Umstand mag bei den meisten Laien ein Kopfschütteln hervorrufen. Wenn man sich aber in die Lage psychologischer Forscher hineinversetzt, die als seriöse Wissenschaftler anerkannt werden und die sich mit den Naturwissenschaften messen wollen, dann ist diese Haltung gegenüber der Psyche zweifellos nachvollziehbar. Ein experimentierender Wissenschaftler braucht etwas Handfestes, leicht und halbwegs exakt Definierbares, wie z. B. Reize und Reaktionen, um zu quantifizierbaren Ergebnissen zu gelangen.

Wer jedoch seine Selbstheilungskräfte aktivieren möchte, kann auf den Begriff der Seele nicht verzichten. Denn schließlich ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Seele ein wesentlicher Aspekt der Selbstheilung. Und so ist man besser beraten, die Lehrbücher der empirischen Psychologie in dieser Frage beiseite zu legen und sich dem Weisheitsschatz der Mutter dieser jungen Wissenschaft, nämlich der Philosophie zuzuwenden.

Die griechische Philosophie betrachtete die Seele als die das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln durchdringende, ordnende Kraft. Für Aristoteles war sie die erste Entelechie des lebendigen Körpers. Damit meinte er die Verwirklichung der im Körper angelegten Möglichkeiten. Aristoteles unterschied verschiedene Seelenformen: die vegetative Seele (das belebende Prinzip), die sensitive Seele (Wahrnehmung, Begehren, Selbstbewegung) sowie die Geistseele. Die Geistseele unterteilte er noch einmal in eine rezeptive (empfangende, passive) und in eine tätige (aktive) Geistseele. Nur die tätige Geistseele war nicht an den Körper gebunden und somit unsterblich. Sie trug allerdings auch keine individuellen Züge.

In der Neuzeit bestimmte zunächst der französische Philosoph Descartes die wissenschaftliche Diskussion zur Frage der Seele. Er unterschied zwei Substanzen, nämlich die geistige (res cogitans) und die materielle Substanz (res extensa). Beide Substanzen betrachtete er als völlig getrennt voneinander. Descartes behauptete aber, dass sie in einer Wechselwirkung zueinander stünden: Der Körper könne die Seele und die Seele den Körper beeinflussen.

Die moderne Philosophie ist in der Frage der Seele gespalten. Es gibt materialistische Monisten, die davon überzeugt sind, dass die Seele eine Funktion körperlicher Prozesse sei. Einige Philosophen meinen sogar, dass seelische Vorgänge mit den entsprechenden Abläufen im Nervensystem identisch seien. Andere Philosophie drehen den Spieß um. Für sie wird der Körper und die körperliche Welt vom Geist hervorgebracht. In neuerer Zeit vertreten die Konstruktivisten die Auffassung, unsere Vorstellungen der Welt seien Produkte unseres Nervensystems und keinesfalls Widerspiegelungen der Wirklichkeit.

Aus der Sicht einer praktischen Wissenschaft der seelischen Selbstheilung ist eigentlich nur ein Aspekt wichtig: Die Seele ist eine ordnende Kraft, die unsere Wahrnehmung, unser Denken, unsere Gefühle, Empfindungen und nicht zuletzt unsere Handlungen durchdringt. Sie verleiht unseren Lebensäußerungen Sinn.

Die Forschungsergebnisse der modernen, empirischen Psychologie sind zweifellos überaus nützlich. Sie helfen uns, Regelmäßigkeiten des menschlichen Verhaltens und Erlebens zu erkennen und die Aktivität von Menschen unter wechselnden Bedingungen vorherzusagen. Doch dieser zergliedernde, einzelne Elemente isolierende Ansatz kann unsere Frage nach dem Sinn nicht beantworten. Diese Frage ist aber ein entscheidender Aspekt der seelischen Selbstheilung.

Wir können die Seele, also die ordnende Kraft unseres Daseins nicht messen und nicht von außen beobachten. Wir können sie aber erschließen. Sie nimmt nämlich Gestalt an in den Geschichten, die wir uns selbst und anderen über unsere besondere Art zu leben und unsere individuelle Sicht der Welt erzählen. Diese Geschichte sind aus unserem Seelenstoff gemacht. Indem wir mit diesen Geschichten arbeiten, fördern wir unsere seelischen Selbstheilungskräfte.

Die moderne Psychologie teilt überwiegend die Auffassung der materialistischen Philosophie. Sie wird zunehmend zur Neuro-Psychologie, die Zusammenhänge zwischen der Aktivität des Nervensystems und dem menschlichen Verhalten und Erleben experimentell erforscht. Diese Forschungsrichtung wird in Zukunft mit Sicherheit noch bahnbrechende Erkenntnisse hervorbringen – für die Praxis der Selbsthilfe bei psychischen Problemen sind diese allerdings ohne große Bedeutung. Die Förderung der seelischen Selbstheilungskräfte folgt Prinzipien, die schon im Altertum bekannt waren. Einige dieser Grundregeln wurden allerdings von der neueren Forschung optimiert.

Die Selbstheilungskräfte

Die seelischen Selbstheilungskräfte arbeiten meist unbewusst. Daher verschwinden die meisten Störungen unseres Wohlbefindens wie von selbst. Wir sagen dann, die Zeit habe die Wunden geheilt. Doch das ist natürlich ein Irrtum. Es war nicht die Zeit dafür verantwortlich, sondern die Fähigkeit unserer Seele, Störungen aus eigener Kraft zu überwinden. Doch dies gelingt nicht immer. An den Geschichten über uns selbst können wir dann mitunter erkennen, was falsch gelaufen ist. Mithilfe von Geschichten, in die auch bildhafte Vorstellungen (Imaginationen) eingebettet sind, können wir mit unserem Unbewussten kommunizieren und die richtigen Weichenstellungen fördern.

Wenn sich etwas in unserem seelischen Erleben unserer Kontrolle zu entziehen scheint, so bedeutet dies nicht, dass wir grundsätzlichen keinen Einfluss darauf hätten. Vielmehr haben wir nur vorübergehend den Kontakt zu einem Bereich unserer Seele verloren. Eine Barriere versperrt uns den Zugang. Wir können den Kontakt zu diesen Bereich unserer Seele wiederherstellen – durch Geschichten.

Fast alle seelischen Störungen können so überwunden werden, sogar die sogenannten psychischen Krankheiten wie Schizophrenie. Nicht immer gelingt dies aus eigener Kraft, dann benötigen wir Hilfe von außen. Dabei kann es sich um ein Selbsthilfebuch handeln oder um ein Gespräch mit einem guten Freund. Es ist keineswegs erforderlich, sofort professionelle Hilfe zu suchen. Dies sollte man nur im äußersten Notfall tun. Denn jede Heilung der Seele ist Selbstheilung – und Hilfe von außen schwächst unweigerlich unsere Selbstheilungskräfte.

Nachbemerkung

Zur Gesunderhaltung der Seele lohnt es sich, hin und wieder etwas zu lesen. Hier meine ich keine wissenschaftlichen Abhandlungen, keine Fachbücher, aber auch keine Zeitungen und Zeitschriften, sondern Belletristik: Gedichte, Romane, Essays. Diese Bücher bieten nicht nur spannende Geschichten, herzergreifende Verse, große Gefühle und geistige Erbauung, sondern sie sind auch eine Schule der Selbsterfahrung durch Geschichten.

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