
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Die heute üblichen Medikamente zur Behandlung der Schizophrenie haben erhebliche, z. T. verheerende Nebenwirkungen - und sind häufig mit nicht heilbaren Spätschäden verbunden. Im 19. Jahrhundert waren Opiate das Mittel der Wahl zur Therapie dieser psychischen Störung. Opiate können zwar abhängig machen, aber sie besitzen sonst kaum schwerwiegende Nebenwirkungen. Ihre antipsychotische Wirkung ist nicht schwächer als die der Neuroleptika. Den offensichtlichen Vorzügen der Opiate stehen allerdings eingefleischte Vorurteile gegenüber. Wie bei den Methadon-Programmen für Drogenabhängige sollten diese Vorurteile endlich überwunden werden.
Die wichtigste Ursache für die Muster des Verhaltens und Erlebens, denen das Etikett "Schizophrenie" aufgeklebt wurde, ist die Traumatisierung in früher Kindheit (körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch). Dies allein reicht in der Regel nicht aus, um eine sog. Schizophrenie hervorzurufen. Neben einer genetischen Disposition (manche vertragen höhere Trauma-Dosen als andere) spielen vermutlich auch Erziehungsstile und Verwahrlosung bzw. Missachtung kindlicher Bedürfnisse eine Rolle. Dies ist nicht etwa meine Meinung, sondern darf inzwischen als Stand der Forschung betrachtet werden.
Vor Einführung der Neuroleptika wurden "Schizophrene" u. a. mit Opiaten behandelt. Mir klingt schon das Geschrei in den Ohren: "Opiate machen doch süchtig!!!" Ja, ja, sicher, die Gefahr ist gegeben. Ansonsten aber haben sie wenig Nebenwirkungen - vor allem keine derart gravierenden wie Neuroleptika aller Arten. Und helfen Opiate denn auch gegen Schizophrenie? Es gibt nur wenig aktuelle Forschung zu diesem Thema. Aber wer sich ein wenig auskennt in der Welt der Drogenabhängigen, der weiß, dass eine größere Zahl von ihnen an den Symptomen der sog. Schizophrenie leidet und nicht wenige Opiate zur Selbstmedikation dieser Störungen einsetzen. In Methadon-Programmen führt eine regelmäßige, verlässliche und angemessene Versorgung mit der Substanz dann auch in vielen Fällen zu einer wesentlichen Besserung der "psychotischen Symptomatik". Das ist auch kein Wunder, denn schon die Alten wussten, dass Opiate eine beachtliche antipsychotische Tendenz besitzen.
Daraus folgt: Sinnvoll wäre eine psychologische Beratung der Betroffenen, die Trauma-Erfahrungen nicht ausklammert (oder als Irrsinn abtut), wenn die "schizophrenen" Klienten davon sprechen - wie wirr und phantastisch auch immer. Die Unterbringung nach dem Soteria-Konzept ist mitunter hilfreich. Das Soteria-Konzept sieht eine stationäre Begleitung von Menschen in psychotischen Krisen vor. Die Patienten werden rund um die Uhr von semiprofessionellem Personal begleitet. Die Grundhaltung ist akzeptierend und Medikamente werden, wenn überhaupt, nur sehr sparsam und mit Einverständnis der Betroffenen eingesetzt. Falls Psychopharmaka unerlässlich sein sollten, wäre zur Krisenintervention, u. U. auch als Langzeitanwendung an Opiate zu denken. Aus meiner Sicht wären diese Drogen, trotz Abhängigkeitsgefahr, den Neuroleptika mit all ihren aktuellen und langfristigen, z. T. verheerenden Nebenwirkungen auf jeden Fall vorzuziehen - zumal wir heute nach Datenlage eindeutig wissen, dass die Langzeitbehandlung mit Neuroleptika mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet.
Blicken wir den Tatsachen ins Auge. Die Würfel sind leider gefallen zugunsten der Neuroleptika. Dies zeigt sich auch in der Forschung, besser: es zeigt sich in der Nicht-Forschung. Abgesehen von ein paar Studien gibt es kaum systematische Vergleiche zwischen Opiaten und Neuroleptika. Die Neuroleptika, auch die atypischen, haben sämtlich erhebliche Nebenwirkungen, z. T. verheerende. Die Langzeitbehandlung mit diesen Medikamenten richtet mehr Schaden an als sie Nutzen stiftet.
Häufig sind die Betroffenen nicht bereit, Neuroleptika (regelmäßig) einzunehmen - und wenn Ärzte ihrer Pflicht zur wahrheitsgemäßen Information über diese Medikamente entsprechen, dann wird die Bereitschaft zur Einnahme noch erheblich geringer. Es ist also höchste Zeit, im Sinne der Patienten mit einer Schizophrenie-Diagnose über Alternativen nachzudenken.
Opiate könnten eine solche Alternative sein. Dies wird von vielen Fachleuten mit Entsetzen zurückgewiesen. Neuroleptika mit ihre teilweise katastrophalen Nebenwirkungen sind aber mit Sicherheit die schlechtere Lösung.
Man hat sich jahrelang mit Händen und Füßen gegen die Behandlung von Fixern mit Methadon gesträubt, noch heftiger gegen die Heroin-Programme. Heute gibt es keinen Zweifel mehr: Substitution und Heroinprogramme sind erfolgreich. Ähnliches würde man vermutlich erleben, wenn man Substitutionsprogramme für Neuroleptika-Gebraucher anbieten würde. Natürlich, gegen diese Idee würde sich noch viel stärkerer Widerstand regen als gegen die Substitution.
Doch warum eigentlich: Was ist die rationale Basis dieses Widerstands? Dass Opiate süchtig machen können? Kann das ein Argument sein, wenn die Alternative die oft lebenslang für erforderlich gehaltene Einnahme von Neuroleptika ist - also von Medikamenten mit verheerenden Nebenwirkungen? Ist das ein rationales Argument?
Die Behauptung, dass dank der Neuroleptika die Zahl der Psychiatrie-Insassen geringer und die Verweildauer kürzer geworden sei, hat sich inzwischen ja auch als Legende herausgestellt (siehe obigen Link). Dies deutet darauf hin, dass frühere Behandlungsmethoden (zu denen auch die Opiate zählten) nicht in jedem Falle weniger effektiv waren als heutige. Und selbstverständlich ist es auch eine Legende, dass Neuroleptika die "Schizophrenie" kausal bekämpfen (Siehe hierzu den Beitrag im "Lexikon der psychischen Krankheiten“).
Auch Neuroleptika wirken, weil sie sedieren, genauso wie Opiate. Opiate sedieren aber mit weniger Nebenwirkungen - vor allem besitzen sie keine verheerenden Nebenwirkungen, so wie die Neuroleptika. Wie bei der Substitution heißt die Devise: Schaden begrenzen, harm reduction. Selbstverständlich dürfte auch die Bereitschaft der Betroffenen, Opiate zur Linderung ihrer Beschwerden zu nehmen, weitaus größer sein als bei den Neuroleptika. Opiate haben nämlich eine stimmungsaufhellende, wohltuende Wirkung ? ganz im Gegensatz zu den Neuroleptika. Natürlich: Unserem Anspruch, Krone der Schöpfung zu sein, entsprechen wir mit "Opiaten in der Birne" zweifellos nicht - aber mit kaum einem Medikament bewegt sich der Mensch aus meiner Sicht weiter auf ein subhumanes Niveau zu als mit Neuroleptika.
Substitution und Heroinprogramme beweisen, dass Opiate eben nicht nur Schmerzmittel sind. Sie wirken sich auch positiv auf sehr komplexe bio-psycho-soziale Problemlagen (Abhängigkeiten) aus. "Schizophrenie" ist ebenfalls eine sehr komplexe bio-psycho-soziale Problemlage. Die "Schizophrenie" besitzt sogar, da die entsprechenden Formen des Verhaltens und Erlebens auch als Abwehrmechanismen fungieren - so wie der Konsum von Alkohol und Drogen - suchtartige Aspekte. Dies wird nur leider aufgrund einer einseitig biologischen (also biologistischen) Sichtweise häufig übersehen.
Dass Opiate heute kaum noch ernsthaft zur Milderung psychotischen Verhaltens und Erlebens erwogen werden, hat keine rationalen medizinischen Gründe. Dies ist die Folge einer unseligen Drogenpolitik, die u. a. zu einer völlig wirklichkeitsfremden Einstellung gegenüber bestimmten psychoaktiven Substanzen in der Bevölkerung und natürlich auch bei Politikern geführt hat. Es spielen sicher aber auch Geschäftsinteressen eine Rolle. Die oft absurd hohen Schwarzmarktpreise sollten nicht zu der Ansicht verleiten, Opiate seien zwangsläufig teure Medikamente.
Ärzte, die sich wegen der Suchtgefahr Sorgen machen, könnten es zunächst einmal mit Präparaten (z. B. Valoron) versuchen, die ein stark reduziertes Suchtpotential besitzen. Ansonsten ist die Suchtgefahr, wenn eine medizinische kostengünstige Versorgung mit dem Heilmittel gewährleistet ist, ohnehin eines der geringeren Probleme im Gesamtzusammenhang einer alternativen "Schizophrenie-Behandlung.
Außerdem sollte man mit einer weiteren Legende aufräumen, dass nämlich bei "Schizophrenie" nur ein Stillstand der Symptome, aber keine Heilung zu erreichen sei. Heilung ist möglich - und bei einem geheilten Schizophrenen entfiele dann auch der ursprüngliche Grund für den Opiatkonsum, der allerdings auch eine, evtl. gesondert zu behandelnde, Eigendynamik gewinnen kan. Wegen dieser Eigendynamik: Hände weg von der Selbstmedikation!
Ich sympathisiere mit der Antipsychiatrie-Bewegung, die "Schizophrenie" für ein "strategisches Etikett" zur Ausgrenzung von Menschen mit außergewöhnlicher Wirklichkeitserfahrung hält. Andererseits kann ich mich aufgrund von Erfahrungen mit den sog. Schizophrenen auch nicht vor der Einsicht verschließen, dass manche dieser Menschen selbst erheblich zu dieser Ausgrenzung beitragen und die Grenzen der Belastbarkeit ihrer Mitmenschen bis an den Rand des Erträglichen und darüber hinaus testen. Diese Tests halte ich nicht für "krankheitsbedingt", das ist vor allem eine Charakterfrage. Menschen mit außergewöhnlicher Wirklichkeitserfahrung müssen mitunter ein wenig an ihrem Charakter arbeiten, um ihre außergewöhnliche Wirklichkeitserfahrung sozialverträglich zu integrieren. Von Fall zu Fall ist es ratsam, sich zu diesem Zweck von anderen helfen zu lassen.
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